Herbert Marcuse Official homepage > Unpublished Papers page | Books About page > Tim B. Müller MA Thesis, 2004 | Bibliographie

Magisterarbeit über das Thema:

Herbert Marcuse, die Frankfurter Schule und der Holocaust:
Ein Beitrag zur zeitgenössischen Wahrnehmung der
nationalsozialistischen Vernichtungspolitik

vorgelegt von
Tim B. Müller

Ehrhartstraße 23
67141 Neuhofen
geb. am 14.1.1978 in Speyer

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Philosophische Fakultät
Historisches Seminar
Sommersemester 2004
Erstgutachter: Prof. Dr. Georg Christoph Berger Waldenegg
Zweitgutachter: Prof. Dr. Volker Sellin

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Einleitung: Die Zeitgenossen des Holocaust und ihre Wahrnehmung

1
Forschungskontext der Fragestellung und Übersicht über die Arbeit
2
Quellenlage und Forschungspositionen
8
1. Der theoriegeschichtliche Rahmen: Zur Deutung von Antisemitismus und Judenverfolgung am Institut für Sozialforschung 1939 bis 1944
17
1.1. Die Diskussion über Nationalsozialismus und Antisemitismus am Institut für Sozialforschung zu Beginn des Zweiten Weltkrieges
18
1.2. Franz Neumanns „Behemoth“ und die nationalsozialistische Judenverfolgung
23
1.3. Antisemitismus und Genozid in der „Dialektik der Aufklärung“
37
2. Politische Rahmenbedingungen: Die Forschungsabteilung des OSS
41
2.1. Entstehung, Entwicklung und Struktur des OSS
42
2.2. Die Research and Analysis Branch des OSS
46
2.3. Wissensstrukturen und Arbeitsbedingungen in der R&A-Branch
54
3. Herbert Marcuse und der Holocaust
57
3.1. Die Judenverfolgung in Marcuses Verständnis Anfang der vierziger Jahre
58
3.1.1. Freiheit und Terror: Ein Aufsatz von 1941
58
3.1.2. Die Herrschaftstechnik des Nationalsozialismus: Eine Vorlesung Ende 1941
63
3.1.3. Die neue deutsche Mentalität: Eine Untersuchung von 1942
67
3.2. Die Wahrnehmung des Judenmords durch Marcuse und sein Umfeld im OSS
74
3.2.1. Das OSS und die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse
80
3.2.2. Briefe über den Holocaust: Zeugnisse des privaten Marcuse 1943-1948
93
4. Die USA und der Holocaust: Eine Skizze der zeitgenössischen Wahrnehmung
 108
5. Zusammenfassung und Schlußbetrachtung
115
Exkurs 1 [not included]
123
Exkurs 2 [not included]
124
Exkurs 3 [not included]
125
Abkürzungsverzeichnis [not included]
127
Schaubilder [not included]
128
Bibliographie [separate file]
132

Einleitung: Die Zeitgenossen des Holocaust und ihre Wahrnehmung [back to contents]

Über der Geschichte, wie wir sie kennen, liegt der Schatten von Auschwitz.[1] Das gilt für die Wissenschaft ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Mord an den europäischen Juden hat eine kaum noch zu überschauende Zahl von Forschungen und eine Vielfalt von Deutungen hervorgebracht.[2] Die Erforschung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik hat auch eine theoretische Diskussion ausgelöst, die über die Bedeutung und die Darstellbarkeit des Holocaust nachdenkt.[3] Sie zieht auch die Aufmerksamkeit der Massenmedien auf sich, die allerdings nicht nur historische Aufklärung für ein großes Publikum leisten, sondern auch die Faszination und kathartische Funktion des größten anzunehmenden Schreckens vermarkten und damit zu einer Banalisierung von Auschwitz beitragen können. Auch die Sphäre des Politischen bezieht aus dem Holocaust Handlungsimpulse. Dabei läuft sie Gefahr, das unermeßliche Leid der Opfer im politischen Tagesgeschäft zu instrumentalisieren.[4]

Aber wie haben die Zeitgenossen des nationalsozialistischen Mordens von den Untaten des deutschen Regimes erfahren? Was haben sie gewußt? Und begriffen sie, was immer sie erfahren hatten? Blieb ihr Wissen bruchstückhaft, oder setzten sie es zusammen zu einem vollständigen Bild der Vernichtungspolitik? Mit derartigen Fragen beschäftigt sich die vorliegende Arbeit. Eine ganz bestimmte Gruppe von Zeitgenossen des Holocaust wird untersucht. Es handelt sich um eine Gemeinschaft von deutsch-jüdischen Intellektuellen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten in den dreißiger Jahren Zuflucht in den USA gefunden hatten. Diese Emigranten waren in doppelter Hinsicht durch den Nationalsozialismus gefährdet, als Juden und als Linksintellektuelle. Sie alle standen im Untersuchungszeitraum mit dem Institut für Sozialforschung, der später sogenannten Frankfurter Schule, in Verbindung. Namentlich Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Otto Kirchheimer, Franz Neumann und insbesondere Herbert Marcuse finden auf den nachfolgenden Seiten Erwähnung. Konnten sie als Zeitgenossen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik das Ausmaß der Katastrophe verstehen? Waren sie in der Lage, die Nachrichten über den Judenmord in den Horizont ihrer Erfahrungen einzuordnen?

Forschungskontext der Fragestellung und Übersicht über die Arbeit [back to contents]

Der Kontext dieser Fragestellung soll im folgenden in vier Aspekten angedeutet werden. Erstens gibt es seit vielen Jahren eine Debatte darüber, was die Zeitgenossen über die systematische und massenhafte Ermordung der Juden wußten. Eine Seite der Debatte lautet: Was wußten die Deutschen vom Holocaust? Dazu liegt eine umfangreiche Forschung vor.[5] Auf der anderen Seite wiederholt sich diese Frage für andere Länder, insbesondere die Kriegsgegner Deutschlands, in zahlreichen Forschungsbeiträgen: Was wußten die Alliierten, was wußten die USA vom Genozid an den europäischen Juden? Viele der Stellungnahmen in dieser Debatte sind von einem starken Engagement gekennzeichnet. Geht es im ersten Fall letztlich darum, wie viele Deutsche Mitschuld an den Verbrechen trugen, so geht es im zweiten letztlich darum, ob die Alliierten die Vernichtungspolitik hätten verhindern oder beenden können. Im Falle der USA ist dieser Ton in der Debatte besonders deutlich zu vernehmen.[6] Oftmals verbunden damit ist die Frage nach dem Schicksal jüdischer Flüchtlinge, denn die USA boten vielen Flüchtlingen aus dem von Völkermord und Terror bedrohten Europa eine temporäre Zuflucht oder eine neue Heimat.[7]

Unter diesen Flüchtlingen waren auch die Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung, um die es in dieser Arbeit geht. Sie waren Teil der großen deutschsprachigen Emigration in die USA. Das ist der zweite Aspekt des Forschungskontextes. Der Emigrationsgeschichte wurde von der Forschung umfassend Beachtung geschenkt.[8] Auch die Geschichte des Instituts für Sozialforschung im amerikanischen Exil ist eingehend untersucht worden. Seit längerem liegen die beiden Standardwerke von Martin Jay und Rolf Wiggershaus vor, weiterhin sind zahlreiche Spezialstudien erschienen.[9] Die Arbeiten zu einzelnen Personen und Themen im Umfeld des Instituts für Sozialforschung sind unterschiedlich zahlreich, worauf noch hingewiesen wird.

Ein dritter Aspekt betrifft die amerikanische Deutschlandpolitik in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Die außenpolitischen Planungsapparate waren mit umfangreichen Vorbereitungen der absehbaren Besatzung Deutschlands beschäftigt.[10] Dabei bedienten sich die amerikanischen Regierungsstellen in erheblichem Ausmaß auch der Sachkenntnis deutschsprachiger Emigranten. Die deutschlandpolitischen Planungen wiederum sind eng verknüpft mit dem vierten Aspekt des Themas, nämlich mit der Geschichte der amerikanischen Nachrichtendienste im Zweiten Weltkrieg. Neben den zuständigen Ministerien und weiteren Behörden hatten die Geheimdienste einen wesentlichen Anteil an den Deutschlandplanungen. Der wichtigste dieser Dienste, der erste zentrale Nachrichtendienst in der Geschichte der USA, war das 1941/42 eingerichtete Office of Strategic Services (OSS), das nach Kriegsende wieder aufgelöst und 1947 teilweise von der Central Intelligence Agency (CIA) beerbt wurde. Das OSS verfügte über eine eigene Forschungs- und Analyseabteilung, in der Hunderte von Wissenschaftlern Informationen über eine Vielfalt von Themen auswerteten und politische Analysen verfaßten. Zu den mit Deutschland befaßten Wissenschaftlern in der Forschungs- und Analyseabteilung des OSS gehörten auch die ehemaligen Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung Otto Kirchheimer, Herbert Marcuse und Franz Neumann.

In dieser Abteilung des OSS laufen alle Forschungsaspekte zusammen: Die Frage, was der amerikanische Nachrichtendienst vom Holocaust wußte, ebenso wie die Geschichte deutscher Emigranten, die in den Diensten des OSS standen und dort Genaueres über die Verbrechen im deutschen Machtbereich erfuhren. Zur Geschichte des OSS existiert eine größere Zahl von Forschungen. Eine umfassende und auf dem neuesten Quellenstand beruhende Untersuchung der auf Deutschland bezogenen Aktivitäten des OSS hat Christof Mauch vorgelegt.[11] Auch die Forschungs- und Analyseabteilung des OSS ist Gegenstand gezielter Aufmerksamkeit durch zwei grundlegende Studien geworden, daneben gibt es einige kleinere Beiträge. Den Anfang machte Barry Katz mit einem Buch, das die verschiedenen Abteilungen der Forschungs- und Analyseabteilung untersucht und darunter auch eigens die ehemaligen Mitglieder des Instituts für Sozialforschung behandelt.[12] Katz widmet sich besonders den Arbeitsbedingungen im OSS und wissenschaftsgeschichtlichen Aspekten des Themas. Demgegenüber konzentriert sich Petra Marquardt-Bigman in ihrer Studie auf die politischen Deutschlandanalysen, die während des Krieges in der Forschungs- und Analyseabteilung des OSS erarbeitet wurden. Marquardt-Bigman dehnt ihre Untersuchung auch auf die ersten Nachkriegsjahre aus, als die Forschungsabteilung nach Auflösung des OSS 1945 vom Außenministerium übernommen wurde. Dabei kommt ihre Studie auch immer wieder ausführlich auf den Beitrag deutscher Emigranten, namentlich von Neumann und Marcuse, zu den amerikanischen Deutschlandplanungen zu sprechen.[13]

Die vorliegende Arbeit fragt nach der zeitgenössischen Wahrnehmung des Holocaust. Darum beschränkt sie sich im wesentlichen auf den Zeitraum des Zweiten Weltkrieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Am Anfang dieser Zeit entwickelte die nationalsozialistische Judenverfolgung im Zuge der militärischen Expansion des Deutschen Reiches eine neue Qualität, die kurze Zeit später zur systematischen Ermordung der europäischen Juden führte.[14] Am Ende stehen die Befreiung der letzten Überlebenden aus den Vernichtungs- und Konzentrationslagern und schließlich die Nürnberger Prozesse, die der Weltöffentlichkeit den Umfang der nationalsozialistischen Untaten unmittelbar und gestützt auf eine umfassende Dokumentation vor Augen führten.

Zeitgenossen und Zeugen dieses Geschehens waren auch die deutsch-jüdischen Emigranten, die sich in den USA unter dem Dach des Instituts für Sozialforschung versammelt hatten. In ihrem Fall unterlag die Wahrnehmung der nationalsozialistischen antisemitischen Ideologie, Judenverfolgung und Vernichtungspolitik einer besonderen Prägung, die über persönliche Umstände und die Nachrichtenlage hinausweist. Denn auch wenn einzelne Personen im Vordergrund dieser Arbeit stehen, so handelt es sich doch um eine Gruppe von Intellektuellen, die in einen ständigen Austauschprozeß verwickelt war. Diese Gruppe miteinander diskutierender und arbeitender Intellektueller richtete ihre Aufmerksamkeit besonders auf die Vorgänge in Deutschland und Europa. Mit hohem Abstraktionsgrad versuchten ihre Theorien, die politische, ökonomische und sozialpsychologische Struktur des „Faschismus“ zu erklären.

Es handelt sich also um Menschen, die nicht nur persönlich Betroffene der antisemitischen Verfolgungsmaßnahmen waren, sondern auch bereits über eine entwickelte Theorie des „Faschismus“ verfügten, bevor der Judenmord einsetzte. Diese theoretische Grundorientierung beeinflußte zwangsläufig ihre Wahrnehmung der Vernichtungspolitik. Eine Untersuchung der zeitgenössischen Wahrnehmung des Holocaust durch die intellektuelle Gemeinschaft des Instituts für Sozialforschung ist somit zugleich eine Untersuchung des Zusammenhangs von Theorie und Erfahrung.[15] Es ist eine Geschichte des Zusammenwirkens und des Gegensatzes von Theorie und Erfahrung. Zu beobachten ist einerseits, daß so lange als möglich an vertrauten Theorien festgehalten wurde. Festzustellen ist andererseits aber auch, daß angesichts neuer, überwältigender Erfahrungen die herkömmlichen Erklärungsmuster schrittweise verändert oder sogar aufgegeben wurden.

Auch andere Bedingungen der Wahrnehmung werden angesprochen und aufgeklärt, wo immer es die besonders in privaten Dingen unsichere Quellenlage zuläßt. Persönliche Erfahrung in Deutschland wie in den USA, die Erlebnisse der Familie und die Frage einer möglichen Traumatisierung durch den Holocaust sind zu nennen. Die Arbeitsumstände im OSS sind einer eingehenden Begutachtung zu unterziehen, denn hier verbrachten Kirchheimer, Marcuse und Neumann den größten Teil des Untersuchungszeitraums. Den vielfältigen äußeren Bedingungen der Wahrnehmung soll angemessen Beachtung geschenkt werden, um mit quellenkritischer Sorgfalt die relevanten Dokumente eingehend untersuchen zu können.

Wie die vorliegende Arbeit dabei vorgeht, wird aus einer Skizze der nachfolgenden Kapitel ersichtlich. Im ersten Kapitel wird zunächst die Diskussion über den Nationalsozialismus am Institut für Sozialforschung zwischen 1939 und 1941, die der Judenverfolgung nur geringe Beachtung schenkte, kurz gestreift. Danach widmet es sich kursorisch einem der wichtigsten Bücher jener Jahre, Franz Neumanns „Behemoth“, der damals umfangreichsten Analyse der nationalsozialistischen Herrschaft, die auch für die spätere Forschung ein wichtiger Bezugspunkt geblieben ist.[16] Auch hier werden sich meine Anmerkungen auf die Darstellung der Judenverfolgung konzentrieren. Diese wenigen Seiten waren von erheblicher Bedeutung dafür, wie ein Teil der Zeitgenossen – unter ihnen Herbert Marcuse – die Ursachen der nationalsozialistischen antijüdischen Politik erklärte. Schließlich wird kurz umrissen, in welchen Grundzügen Max Horkheimer, der Direktor des Instituts für Sozialforschung, und sein Mitarbeiter Theodor W. Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ den Antisemitismus erklärten.[17] Diese Deutung, 1944 abgeschlossen, ist die am wenigsten empirische und die theoretisch elaborierteste Darstellung von allen. Dennoch bleiben die aktuellen Ereignisse in Deutschland der immer wieder durchscheinende Hintergrund des einschlägigen Kapitels „Elemente des Antisemitismus“. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Geschichte und Struktur der Forschungs- und Analyseabteilung des OSS. Besondere Beachtung wird den Arbeitsbedingungen und Aufgabenbereichen von Kirchheimer, Marcuse und Neumann geschenkt. In diesem Umfeld und zu dieser Zeit entstanden viele der nachfolgend untersuchten Quellen.

Das erste Kapitel skizziert also überblicksweise den theoriegeschichtlichen Kontext am Institut für Sozialforschung, das zweite beschreibt die Umstände im OSS. Beide dienen als Rahmen für das zentrale dritte Kapitel, das sich intensiv mit den Quellen auseinandersetzt und den Hauptteil der vorliegenden Arbeit bildet. Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht die Wahrnehmung der Judenverfolgung und Judenvernichtung durch Herbert Marcuse in den Jahren 1941 bis 1945. An einer Stelle wird der Untersuchungszeitraum ein wenig überschritten, wenn zwei wichtige, zeitnahe Quellen aus den Jahren 1947 und 1948 in die Untersuchung aufgenommen werden. Zunächst werden drei umfangreiche Beiträge Marcuses analysiert, die er noch als Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung verfaßt hat. Danach folgt eine ausführliche Beschäftigung mit den Dokumenten, die Marcuse, Neumann und Kirchheimer im OSS produziert haben, sowohl im Rahmen der Deutschlandplanungen als auch später im Rahmen der Vorbereitung der Nürnberger Prozesse. Zuletzt fällt der Blick auf private Zeugnisse Marcuses, im wesentlichen auf Briefe an Max Horkheimer und den Philosophen Martin Heidegger, Marcuses einstigen akademischen Lehrer. Immer wieder wird deutlich, wie bei Marcuse vertraute Theorien und neue Erfahrungen in Konflikt geraten. Die Lösungen dieses Konflikts, die Marcuse wählt, sind unterschiedlich und teilweise widersprüchlich, sie sind außerdem von äußeren Faktoren wie den Arbeitsbedingungen im OSS bestimmt, doch bleibt insgesamt zu konstatieren, daß er sich der schrecklichen Realität des Judenmords immer mehr bewußt wurde.

Zwei kurze, das Bild abrundende Kapitel schließen sich an. Im vierten Kapitel erfolgt ein knapper Überblick über die Wahrnehmung des Holocaust in den USA. Marcuse lebte und arbeitete in einem amerikanischen Umfeld, seine Kollegen, Vorgesetzten und Nachbarn waren Amerikaner, und auch er wurde als Emigrant amerikanischer Staatsbürger. Um diesen Lebensbereich Marcuses nicht auszuklammern, sind einige wenige skizzenhafte Informationen angebracht. Das letzte, das fünfte Kapitel versteht sich als Abschluß und Zusammenfassung dieser Arbeit. Die Leitfragen und wichtigsten Ergebnisse sollen darin neben einigen weitergehenden Überlegungen vorgetragen werden.

Quellenlage und Forschungspositionen [back to contents]

Warum konzentriert sich diese Arbeit auf Herbert Marcuse? Diese Frage soll nachstehend geklärt werden. Im Anschluß daran erfolgen Hinweise auf die Quellenlage, bevor eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur diese Einleitung abschließt. Dieser Überblick über die wichtigsten Positionen der Literatur geschieht hier, nicht erst im Kapitel über Marcuse, weil sich die Literatur zumeist nicht nur auf Marcuse bezieht, sondern andere Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung oder des OSS – insbesondere Neumann – einbezieht.

Im wesentlichen handelt es sich um zwei Gründe, die eine Beschäftigung mit Marcuse nahelegen: Zum einen gibt es relativ wenig Literatur über Marcuse in diesen Jahren und insbesondere zur Fragestellung dieser Arbeit. Zum anderen liegen seit einiger Zeit für das Thema wichtige Quellen von Marcuse in edierter Form vor, die bislang nicht angemessen ausgewertet wurden.

Die Literatur zur Frankfurter Schule ist, wie bereits erwähnt wurde, uferlos. Beiträge, die sich gezielt mit der Wahrnehmung des Holocaust durch die Frankfurter Schule beschäftigen, sind bereits wesentlich seltener. Historische Untersuchungen zur zeitgenössischen Wahrnehmung der Vernichtungspolitik durch die Mitglieder des Instituts für Sozialforschung – Untersuchungen also, die sich auf zeitgenössische Quellen beschränken und nicht spätere theoretische Entwicklungen der fraglichen Personen einbeziehen – gibt es kaum. In diese Kategorie fällt als Überblicksdarstellung eine kürzere Studie von Martin Jay.[18] Speziell auf die „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno bezogen sind zwei vorzügliche historische Untersuchungen von Anson Rabinbach.[19] Mit Horkheimers zeitgenössischer Sicht auf den Holocaust befaßt sich ein Beitrag von Dan Diner.[20] Eine ganze Reihe weiterer Arbeiten, die sich entweder als Untersuchung des Antisemitismus-Verständnisses der Frankfurter Schule oder als vom Verständnis der Frankfurter Schule ausgehende Untersuchungen des Antisemitismus-Problems verstehen, wählt einen zeitlich größeren Rahmen sowie nicht selten eine Ausweitung des Themas auf die allgemeine „Faschismus“-Deutung der Frankfurter Schule.[21] Im allgemeinen ist dabei eine Konzentration auf Horkheimer und Adorno zu beobachten. Zu berücksichtigen sind außerdem die betreffenden Darstellungen in den Standardwerken von Jay und Wiggershaus sowie relevante Passagen in den erst im vergangenen Jahr zum hundertsten Geburtstag Adornos erschienenen Adorno-Biographien.[22] Weniger häufig bearbeitet ist die Deutung von Antisemitismus und Vernichtungspolitik durch Franz Neumann.[23] Zum „Behemoth“ generell liegt jedoch manches an Literatur vor.[24] Außerdem sind die Kapitel zum Antisemitismus im „Behemoth“ selbst ein wissenschaftlicher Beitrag zur Erforschung des nationalsozialistischen Terrors und anders als die Deutungen Horkheimers und Adornos nicht schwierig zu verstehen.[25]

Marcuse kommt in dieser Literatur nur am Rande vor – mit der Ausnahme eines Aufsatzes von Zvi Tauber, der Marcuses Deutung von Auschwitz nach 1945 untersucht.[26] Das liegt in erster Linie daran, daß er in den betreffenden Jahren kein für das Thema so bedeutendes Werk wie den „Behemoth“ oder die „Dialektik der Aufklärung“ vorweisen konnte. Zwar erschien 1941 sein umfangreiches philosophisches Hegel-Buch „Reason and Revolution“,[27] aber aus dem gesamten Untersuchungszeitraum liegt nur ein veröffentlichter Aufsatz aus dem Jahre 1941 vor, der zur Fragestellung dieser Arbeit paßt. Diese Situation hat sich jedoch im Laufe der Zeit geändert. Mehr und mehr archivalische Zeugnisse wurden zugänglich gemacht, die einen vollständigeren und differenzierteren Blick auf Marcuses Haltung in den betreffenden Jahren erlauben. Wichtige Quellen konnten im Herbert-Marcuse-Archiv und im Max-Horkheimer-Archiv, die der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main angeschlossen sind, lokalisiert werden. Einige dieser Dokumente wie der Briefwechsel mit Horkheimer wurden bereits von Wiggershaus und Tauber benutzt.

Allerdings liegt seit relativ kurzer Zeit die bisher umfassendste Quellenedition vor, die sämtliche größeren Texte Marcuses aus den vierziger Jahren und einen Auszug aus den Briefwechseln enthält. Diese Edition wurde von Douglas Kellner im Rahmen der nachgelassenen Schriften Marcuses besorgt.[28] Die Mehrzahl dieser Zeugnisse besteht aus bis dahin unveröffentlichtem und unbekanntem Material aus dem Marcuse-Archiv.[29] An einigen wenigen Stellen konnten Ergänzungen des Materials aufgrund eigener Durchsicht der Bestände des Marcuse-Archivs vorgenommen werden. Diese Dokumente bilden die Quellengrundlage eines wesentlichen Teils der vorliegenden Arbeit.[30] Sie wurden bisher kaum beachtet. Es existiert meines Wissens keine andere Arbeit, die diese Quellen nach Maßgabe der hier verfolgten Fragestellung untersucht hätte.[31] Es liegt überhaupt keine Arbeit vor, die sich Marcuses zeitgenössischer Wahrnehmung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik angenommen hätte.

Marcuse als Zeuge des Holocaust ist somit ein bisher unerschlossenes Feld der Geschichte. Dabei ermöglichen die von ihm stammenden Quellen ein sehr differenziertes Verständnis dessen, was es heißt, Zeitgenosse und Zeuge der Ermordung der europäischen Juden zu sein. Gerade weil diese Dokumente nicht in sich geschlossen sind, gerade weil sie sich einmal auf den abstrakten Höhen der Theorie, ein andermal in den konkreten Herausforderungen des Alltags bewegen, gerade weil sie sehr vielfältig und bruchstückhaft sind, geben sie den Blick frei auf einen Menschen, der den Holocaust aus der Ferne erlebte. Von Marcuses Leben in diesen Jahren sind zwar nur die Grundzüge bekannt, aber die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit könnten dieses Bild um eine bisher kaum beachtete Facette erweitern.[32]

Ein zweites Quellenkorpus ermöglicht eine Untersuchung der Wahrnehmung Marcuses in diesen Jahren. Allerdings ist bei diesen Quellen mit besonderer quellenkritischer Sorgfalt vorzugehen. Denn es handelt sich dabei um die Dokumente, die Marcuse als Mitarbeiter des amerikanischen Nachrichtendienstes OSS produzierte, in Kooperation mit seinem Arbeitsumfeld, zu dem auch die ehemaligen Kollegen am Institut für Sozialforschung Neumann und Kirchheimer gehörten. Diese Quellen aus den Archivbeständen des amerikanischen Außenministeriums und der CIA befinden sich in den National Archives in Washington. Im Verlauf dieser Arbeit war es nicht möglich, diese Bestände einzusehen, aber es liegen einige Quelleneditionen vor, die ausgewählte Dokumente aus den relevanten Unterlagen zugänglich machen. Die früheste und wichtigste Edition in diesem Zusammenhang ist eine auf Kirchheimer, Marcuse und Neumann konzentrierte und von Alfons Söllner herausgegebene Sammlung von OSS-Dokumenten.[33] Neueren Datums sind zwei von Jürgen Heideking und Christof Mauch betreute Dokumentationen der OSS-Analysen über den deutschen Widerstand gegen Hitler. Darunter sind auch einige von Marcuse und Neumann verfaßte Papiere.[34] Nicht wenige, teils umfangreiche Auszüge aus den Quellenbeständen sind den genannten Spezialstudien von Katz und Marquardt-Bigman zu verdanken.[35] Auf damit in Verbindung stehende quellenkritische Probleme wird an gegebener Stelle aufmerksam gemacht.[36]

Auf der Basis dieser Quellenlage wird versucht, eine möglichst umfassende Darstellung des Themas zu erarbeiten. Die Quellen werden dabei nicht einfach angeführt, um einen Sachverhalt zu dokumentieren, sondern sie werden ihrer Bedeutung angemessen analysiert und kommentiert. Wenn es sich um für das Thema zentrale Zeugnisse handelt, wird ausführlich daraus zitiert.[37] Außerdem stellt die vorliegende Arbeit an einigen wichtigen Stellen Marcuses Sicht der damaligen Vorgänge den heute in der Forschung üblichen Deutungen gegenüber. Diese Vorgehensweise dient rein heuristischen Zwecken. Im Vergleich können manche Punkte erhellt werden, ohne dabei die historischen Bedingungen von Marcuses Wahrnehmung zu vergessen.[38]

Im Hintergrund einer Arbeit, die sich mit der zeitgenössischen Wahrnehmung des Holocaust durch deutsch-jüdische Linksintellektuelle befaßt, steht unvermeidlich auch das Verhältnis von Intellektuellen zur Politik als ein Sonderfall des Verhältnisses von Theorie und Erfahrung. Diese uralte und spannungsreiche Beziehung wird in meiner Darstellung nur gelegentlich gestreift.[39] In der Literatur wird jedoch neben der Wahrnehmung des Holocaust oftmals auch diese Frage verhandelt, mit politischer Sympathie für die handelnden Personen oder in Gegnerschaft zu ihren politischen Haltungen. Demgegenüber soll hier versucht werden, möglichst sachlich und unvoreingenommen vorzugehen. Das Resultat ist eine mittlere Position, die auch kritisch auf Äußerungen der Literatur eingeht.

Es gibt in der Literatur nur wenige direkte Stellungnahmen zu Marcuses zeitgenössischer Wahrnehmung des Holocaust. Im wesentlichen drehen sich alle Beiträge, ob sie ausschließlich Marcuse oder die Frankfurter Schule insgesamt zum Gegenstand haben, um einen Punkt: Es wird eine Erklärung dafür gesucht, warum Marcuse, warum das Institut für Sozialforschung dem Antisemitismus und der Judenverfolgung nur eine nachgeordnete und zumeist funktionale Rolle in seinen zeitgenössischen Deutungen des Nationalsozialismus zuwies. Der erste Ansatz einer Erklärung stammt von Martin Jay. Seine Bemerkungen gelten allen Mitgliedern des Instituts für Sozialforschung in diesen Jahren. Sie schließen Marcuse ein, allerdings ohne auf Marcuses mittlerweile zugänglich gewordene Texte einzugehen. In seiner Gesamtdarstellung der frühen Frankfurter Schule hebt Jay hervor, daß bereits in den späten Jahren der Weimarer Republik am Institut die Tendenz sichtbar war, sich nicht mit jüdischen Anliegen zu identifizieren. Dahinter stand angesichts eines antisemitischen Klimas die Furcht, andernfalls gezieltes Angriffsobjekt von Judengegnern zu werden. Andererseits maß man wie andere jüdische Linksintellektuelle in diesen Jahren dem eigenen Jüdischsein keine besondere Bedeutung bei. Dahinter wiederum stand die Hoffnung, der Antisemitismus sei nur ein Oberflächenphänomen, das unter verbesserten gesellschaftlichen Verhältnissen überwunden werden könne. Jay faßt diese Haltung zusammen als „the Institute’s general minimalization of the Jewish problem“.[40]

Jay hat diese Erklärung in einem späteren Beitrag weiterverfolgt und zugleich modifiziert. Demnach war vor allem anderen ein zusätzlicher Faktor für das scheinbare Ignorieren des Antisemitismus verantwortlich: das Festhalten an marxistischen Kategorien. Wie alle marxistischen Intellektuellen unterschätzten Horkheimer und seine Kollegen die spezifische Bedeutung des Antisemitismus. In späteren Jahren waren sich offensichtlich die meisten von ihnen dessen bewußt, daß ihr Verständnis des Antisemitismus in den Vorkriegs- und ersten Kriegsjahren unangemessen war. Während des Krieges veränderten sich die Positionen, aber es blieb noch lange bei funktionalistischen Erklärungen, die eine ökonomische oder herrschaftstechnische Rationalität des Antisemitismus betonten. Eine solche Auffassung, wie sie Neumann im „Behemoth“ vertrat, wurde damals am Institut für Sozialforschung allgemein geteilt. Der Wandel geschah hauptsächlich unter dem Eindruck eines Projekts zur Erforschung des Antisemitismus in Amerika, das Horkheimer seit 1944 im Auftrag des American Jewish Committee leitete und das in Gestalt der „Studies in Prejudice“ erschien.

Aus diesem Projekt ging auch das Kapitel „Elemente des Antisemitismus“ in Horkheimers und Adornos „Dialektik der Aufklärung“ hervor. Die veränderte Sicht kam zum Ausdruck in einer Anerkennung der irrationalen Dimension des Antisemitismus, die sich nicht einfach einer politischen oder ökonomischen Funktionalisierung unterwirft. Doch auch in diesen zeitgenössischen Schriften, an denen Marcuse keinen Anteil hatte, findet keine völlige Aufgabe der marxistischen Kategorien statt. Unter stärkerer Einbeziehung der Psychoanalyse entsteht eine komplexe, dialektisch verknüpfte Deutung des Antisemitismus, die archaische Triebe und kulturell-religiöse Prägungen einbezieht. Damit geht jedoch weiterhin der Verweis auf eine ökonomische Funktionalität – wie die Verschleierung der Herrschaft im kapitalistischen Produktionsprozeß – des Antisemitismus einher.[41]

Den von Jay vorgezeichneten Bahnen folgen die meisten Beiträge in der Literatur. Barry Katz schließt seine Darstellung von Marcuses und Neumanns Rolle im OSS mit Überlegungen zur Wahrnehmung des Holocaust ab. Aus den seltenen und zumeist im Rahmen funktionalistischer Theorien operierenden Erwähnungen der Vernichtungspolitik in den OSS-Papieren diagnostiziert Katz eine Unfähigkeit, den Judenhaß der Nationalsozialisten und die breite Resonanz des Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung ernst zu nehmen. Letzteres fiel den marxistisch orientierten Intellektuellen besonders schwer, weil sie lange auf die Widerstandskräfte der deutschen Arbeiterklasse hofften. Eine abschließende Erklärung gibt Katz nicht, doch in Form einer Frage formuliert er seine Vermutungen:

Did their insistence upon seeing the Nazi genocide of the Jews as explicable only in terms as something outside of itself serve them as a last, desperate attempt to salvage something from the shipwreck of Western rationality, or was it perhaps occasioned by a Marxist’s lingering allegiance to the German working class?[42]

Mit dem Befund, daß der Holocaust im OSS lange Zeit scheinbar kaum Beachtung fand und daß noch funktionalistische und rationalisierende Erklärungen des Holocaust gesucht wurden,[43] selbst nachdem die systematische Natur des Mordes an den europäischen Juden erkannt worden war, befaßt sich Katz nochmals an anderer Stelle. Dort gibt er seinen Erläuterungen aber eine neue Richtung. Zum einen belegt er nun, daß das OSS bereits frühzeitig und umfassend über die Vernichtungspolitik informiert war. Zweitens weist er darauf hin, daß das vom OSS zusammengetragene Material einen wesentlichen Grundstein für die Arbeit späterer Holocaust-Forscher wie Raul Hilberg bildete. Drittens führt er einen entscheidenden, zuvor von ihm selbst vernachlässigten Grund für die mangelnde Beschäftigung mit dem Holocaust an – die politischen und bürokratischen Vorgaben im OSS, die auch für die Neumann und Marcuse beschäftigende Forschungs- und Analyseabteilung galten: „The mandate of Research and Analysis branch was limited and did not include the rescue of the European Jews“.[44] Aufgrund seiner erneuten Untersuchung des Quellenmaterials kommt Katz nun zu dem Urteil: „The evidence challenges the picture of naïveté or indifference regarding Europe’s Jews that is typically ascribed to U.S. intelligence during the war.“[45]

Dieser revidierten und differenzierten Erklärung von Katz haben die weiteren Forschungsbeiträge keine Beachtung geschenkt. Vielmehr nehmen sie den von Jay bereits verfolgten Faden auf. Die einseitige Konzentration auf den Marxismus der Frankfurter Schule kennzeichnet diese Erklärungen. Richard Breitmans Darstellung des alliierten Wissens über Auschwitz kommt auch kurz auf Neumanns Rolle im OSS zu sprechen. Das OSS konnte sich Breitman zufolge ab Ende 1942 ein einigermaßen genaues Bild vom Völkermord an den Juden machen. „Selbst dann“, so fährt Breitman fort, „verhinderten ideologische Barrieren bei einigen klugen Leuten (wie zum Beispiel dem aus Deutschland emigrierten Politikwissenschaftler Franz Neumann), daß sie das Offensichtliche zur Kenntnis nahmen.“ Demgegenüber hätten „engagierte amerikanische Juden“ im OSS dazu beigetragen, den Belangen der Juden Aufmerksamkeit zu schenken.[46]

Marcuse als engster Mitarbeiter Neumanns muß in diese Erklärung einbezogen werden. Ohnehin bezieht sich der Beitrag, auf den sich Breitman an dieser Stelle stützt,[47] neben Neumann und Kirchheimer ausdrücklich auf Marcuse. Es handelt sich um eine Untersuchung der Rolle des OSS in den Vorbereitungen der Nürnberger Prozesse. Deren Autor, Shlomo Aronson, erwähnt eine Reihe von Gründen für die nachrangige Beschäftigung mit dem Holocaust im OSS. Dazu gehört der innenpolitisch motivierte Wunsch der Briten, den Eindruck zu vermeiden, den Krieg vorrangig zur Befreiung der Juden geführt zu haben.[48] Ein wesentlicher Grund war die politische Entscheidung auf höchster Ebene, als Hauptanklagepunkt der Kriegsverbrecherprozesse das juristisch leichter nachweisbare Verbrechen der Verschwörung zum Angriffskrieg festzusetzen. Das schloß das Verbrechen des Judenmords nicht aus, machte es jedoch zu einem dieser Kategorie untergeordneten Anklagepunkt.[49] Daran hatten sich auch die Vorarbeiten des OSS zu halten. Schließlich kommt Aronson noch auf die marxistischen Erklärungsmuster von Neumann und Marcuse zu sprechen, wenn er erklärt: „Neumann and other Marxists failed to understand the centrality of antisemitism in Nazi ideology and strategy“.[50] Nach Aronsons Urteil dienten Neumann und seine „German-born assimilated Jewish and half-Jewish“ Kollegen im OSS den Hauptkriegszielen der Alliierten. Sie seien nicht vorrangig an der Bestrafung der Nationalsozialisten interessiert gewesen.[51] Aronson unterlaufen dabei einige fehlerhafte Aussagen und er läßt sich zu persönlichen Attacken hinreißen.[52] Die Erklärungen und Bewertungen von Aronson und Breitman stützen sich ausschließlich auf OSS-Dokumente. Eine Beschäftigung mit Marcuses umfangreichen, zu diesem Zeitpunkt erst in der Veröffentlichung befindlichen Unterlagen fehlt.

John Abromeit dagegen setzt sich mit diesen von Kellner edierten Quellen auseinander. In einer ausführlichen Rezension des Bandes kommt aber auch Abromeit zu einem Urteil, das dem Interpretationsrahmen von Jay folgt und nur wenig schärfer als das von Aronson oder Breitman ist. Er erwähnt, daß Marcuse sozialpsychologische Ursachen für die Attraktivität des Nationalsozialismus erkennt, verweist aber auf die rationalen und funktionalistischen Erklärungsmuster, die Marcuses Äußerungen zum nationalsozialistischen Antisemitismus beherrschen: „Marcuse had relatively little to say about the irrational forces unleashed by the Nazis, antisemitism being only the most obvious example“.[53] Abromeit fragt sich, ob Marcuse seine Texte einige Jahre später in voller Kenntnis des Geschehenen revidiert hätte, in Kenntnis auch der irrationalen Verfolgung des Ziels, die Juden zu vernichten, selbst auf Kosten von Ressourcen, die der Kriegführung dienten. Dabei erwähnt Abromeit mit keinem Wort die im selben Band abgedruckten Briefe Marcuses an Heidegger von 1947 und 1948, die Abromeits Erwartungen entsprechen könnten.[54] Jeffrey Herf hingegen läßt in einer längeren Rezension die Frage offen. Er weist auf interessante Aspekte in Marcuses Nationalsozialismus-Deutung und auf Lücken in seinem Antisemitismus-Verständnis hin und betont, daß sich die Texte nur am Rande mit dem Holocaust beschäftigen. Aber auch Herf vermutet einen Zusammenhang mit der marxistischen Perspektive Marcuses – ein Urteil, das Herf allerdings abmildert, indem er Marcuse und Neumann mehrfach attestiert, ansonsten nachweislich scharfsinnige Analytiker des Nationalsozialismus gewesen zu sein:

Neumann’s economism had blinded him to the terrible reality. These essays do not indicate whether Marcuse shared Neumann’s skepticism about Hitler’s threats. Yet their general focus on the socio-economic dimensions of Nazism, as well as Marcuses skepticism about the causal significance of Nazi racial ideology – both residues of their shared Marxist rationalism – suggest that this was the case.[55]

Nach einer eingehenden Untersuchung der vorliegenden Quellen kommt diese Arbeit zu dem Schluß, daß die in der Literatur verbreiteten Urteile in großen Teilen nicht aufrechtzuerhalten sind. Aber nicht nur die Urteile sind anzufechten. Es kann auch gezeigt werden, daß der Tatbestand von einigen der genannten Autoren nicht richtig ermittelt wurde. Grund dafür ist einerseits manchmal eine oberflächliche Analyse der Quellen. Andererseits kannten die meisten der zuvor besprochenen Autoren zahlreiche der hier ausgewerteten Quellen noch nicht. Diese Arbeit versucht erstmals, das Gesamtbild festzustellen und nicht nur einen Teil der Quellen zu berücksichtigen. In Anlehnung an eine Formulierung von Barry Katz nimmt diese Arbeit nach einer gründlichen Analyse aller vorliegenden Dokumente zu Marcuse somit an, daß der empirische Befund das Bild persönlicher Indifferenz oder politischer Blindheit gegenüber dem Schicksal der Juden in Frage stellt, das für gewöhnlich Marcuse während des Zweiten Weltkrieges zugeschrieben wird.[56]


1. Der theoriegeschichtliche Rahmen: Zur Deutung von Antisemitismus und Judenverfolgung am Institut für Sozialforschung 1939 bis 1944 [back to contents]

Das 1924 gegründete Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main wurde seit 1930 von dem Philosophen Max Horkheimer als Direktor geleitet. Der engere Kreis um Horkheimer, zu dem im Laufe der Zeit Friedrich Pollock, Leo Löwenthal, Erich Fromm, Herbert Marcuse und Theodor W. Adorno gehörten, entwickelte eine intellektuelle Gemeinschaft und eine Form des Denkens, die später als „Kritische Theorie“ oder „Frankfurter Schule“ berühmt wurden. Sie zeichnete sich durch interdisziplinäre Diskussion und einen integrativen Ansatz aus, der empirische wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Forschung ebenso umfaßte wie die Psychoanalyse und die Philosophie. Im Selbstverständnis der Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung waren zu dieser Zeit Hegel und Marx die wichtigsten Bezugspunkte. Fast alle Mitarbeiter des Instituts waren Juden, und sie waren Sozialisten.

Als Juden und Linksintellektuelle in doppelter Weise durch den Nationalsozialismus gefährdet, emigrierten die meisten Mitarbeiter des Instituts bereits 1933 aus Deutschland. Das Institut und seine Bibliothek wurden sogleich von den deutschen Behörden beschlagnahmt. Die Mittel des Instituts waren rechtzeitig ins Ausland transferiert worden. Der Sitz des Instituts wurde zunächst nach Genf verlegt, Zweigstellen in Paris und zeitweilig auch in London wurden mit Hilfe ortsansässiger wissenschaftlicher Institutionen eröffnet. Die bis zum Kriegsausbruch gehaltene Einrichtung in Paris war der wichtigste Außenposten. Einige weitere Emigranten wie Walter Benjamin übernahmen dort kleinere Aufträge und konnten sich so finanziell über Wasser halten. Das Institut und der Hauptteil seiner Mitarbeiter fand jedoch 1934 dauerhaft Zuflucht in den USA. In Verbindung mit der Columbia University firmierte man in New York als Institute of Social Research. Ab Mitte der dreißiger Jahre stießen weitere Emigranten wie Franz Neumann, Otto Kirchheimer und Arkadij Gurland hinzu. Diese waren nicht in den engeren Kreis um Horkheimer eingebunden, aber die schwindenden Mittel des Instituts boten ihnen vorübergehend eine sichere Bleibe.[57]

1.1. Die Diskussion über Nationalsozialismus und Antisemitismus am Institut für Sozialforschung zu Beginn des Zweiten Weltkrieges [back to contents]

Im folgenden wird ein nur kurzer und verkürzender Blick auf die Diskussion über den Nationalsozialismus am Institut für Sozialforschung zwischen 1939 und 1941 geworfen. In diesen Jahren erreichte die vielstimmige, von gegensätzlichen Positionen gekennzeichnete Auseinandersetzung ihren Höhepunkt. Eine besondere Intensität war mit einer Vortragsreihe über den Nationalsozialismus erreicht, die Institutsmitglieder Ende 1941 an der Columbia University abhielten. Allerdings wurde der Judenverfolgung dabei vergleichsweise geringe Beachtung geschenkt. Die auf die Wirtschaftsstruktur konzentrierte Erörterung der Natur des Nationalsozialismus ist für die Fragestellung dieser Arbeit unerheblich. Infolgedessen werden diese komplexen Diskussionen auch nur im Vorübergehen gestreift.[58]

Dubiel und Söllner zufolge wurden damals drei verschiedene Ansätze der Faschismusanalyse am Institut für Sozialforschung erörtert. Fromm und anfangs Horkheimer vertraten einen sozialpsychologischen Ansatz, Marcuse und Horkheimer einen ideologie- und kulturkritischen, Pollock und die Neumitglieder Neumann, Gurland und Kirchheimer einen politisch-ökonomischen. Diese einander mehr ergänzenden als miteinander konkurrierenden Analysen wurden jedoch von einem Konflikt abgelöst, der sich 1941 zu dem scharfen Gegensatz von „Staatskapitalismus“ und „totalitärem Monopolkapitalismus“ zuspitzte. Pollock und in seinem Gefolge Horkheimer deuteten den Nationalsozialismus als eine neue Ordnung, als staatskapitalistisches System, das den Primat der Ökonomie über die Politik abgeschafft und die Nachfolge des privatkapitalistischen Systems angetreten hatte. Demnach blieb das Profitstreben erhalten, ein sozialistisches System wurde nicht installiert. Aber der Staatsapparat hatte eine neue Rolle im Verhältnis zur Wirtschaftsordnung eingenommen. Der Markt als Instrument des Ausgleichs von Angebot und Nachfrage wurde ersetzt durch ein Plansystem, das von einer aus der Verschmelzung von Staatsbürokratie und Industriespitzen hervorgegangenen Elite gelenkt wurde.[59]

Neumann, Gurland und Kirchheimer hingegen vertraten aufgrund ihrer empirischen Analysen die Theorie, das nationalsozialistische oder „faschistische“ System sei auch in seiner kriegskapitalistischen Form die Fortsetzung des hochmonopolistischen Kapitalismus. „Staatskapitalismus“ war für sie ein widersprüchlicher Begriff: Das System kann entweder kapitalistisch sein, was einen intakten Marktmechanismus, Konkurrenz und Profitmotiv bedeutet, oder aber der Staat ist Eigentümer der Produktionsmittel und damit das System nicht mehr kapitalistisch. Die Kapitalismus-These wurde jedoch differenziert vorgebracht. Betont wurde der Kompromißzwang zwischen Wirtschafts- und Parteifunktionären. Die Einheitlichkeit des „totalitärer Monopolkapitalismus“ genannten Systems wurde danach durch die chaotische Konkurrenz der Machteliten konstituiert. Der Begriff des „totalitären Monopolkapitalismus“ zielte „auf eine Strukturanalyse des Faschismus, in der politische und soziale Herrschaft nicht zusammenfielen und gleichwohl in dieselbe Richtung wirkten: in die der terroristischen Reintegration des Kapitalismus nach einer Krise“.[60]

Das Problem des Antisemitismus wurde in diesem Zusammenhang kaum erörtert. Die einzige explizite Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung geschah jedoch vor dem Hintergrund dieser politisch-ökonomischen Debatten. Horkheimers berühmter Aufsatz „Die Juden und Europa“ stammt bereits von 1939, datiert auf die ersten Septembertage, aber er folgt wesentlich Pollocks staatskapitalistischer Interpretationslinie.[61] Der Antisemitismus wird faschismustheoretischen Gesichtspunkten untergeordnet, die Lage der Juden wird wenig behandelt.

Das wird bereits aus den berühmten Sätzen der ersten Seite deutlich. „Wer den Antisemitismus erklären will, muß den Nationalsozialismus meinen“, lautet der erste Satz. Er korrespondiert einem anderem, wenn man bedenkt, daß Nationalsozialismus und „Faschismus“ synonym gebraucht wurden: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“. Tatsächlich drückt Horkheimer den Zusammenhang auch direkt aus: „Der neue Antisemitismus ist der Sendbote der totalitären Ordnung, zu der die liberalistische sich entwickelt hat. Es bedarf des Rückgangs auf die Tendenzen des Kapitals“.[62] Im Einklang mit dieser Eröffnung wird der Antisemitismus rein funktionalistisch diskutiert. Man muß jedoch bedenken, daß Horkheimers Ansichten zwar nach den Pogromen von 1938, aber vor Auschwitz schriftlich niedergelegt wurden.

„Der Liberalismus ist nicht wieder einzurichten“, erklärt Horkheimer, auch wenn er der Vorgänger der neuen totalitären Ordnung sei, der seine „Hemmungen verloren hat“.[63] Mit dem Schicksal der liberalen Wirtschaftsordnung sieht Horkheimer das der Juden verknüpft. „Die Sphäre, die für das Schicksal der Juden in doppelter Weise bestimmend war, als der Ort ihres Erwerbs und als das Fundament der bürgerlichen Demokratie: die Sphäre der Zirkulation verliert ihre ökonomische Bedeutung. Die berühmte Macht des Geldes ist im Schwinden begriffen“, denn mit der „zunehmenden Ausschaltung des Marktes fällt auch die Rolle des Geldes“ weg. Hier setzt für Horkheimer die entscheidende Funktion des Antisemitismus an: „Die Juden sind als Agenten der Zirkulation entmachtet, weil die moderne Struktur der Wirtschaft die ganze Sphäre weitgehend außer Kraft setzt. Sie werden als erste Opfer vom Diktat der Herrschenden getroffen, das die ausgefallene Funktion übernimmt.“[64]

„Der nationalsozialistische Plan, was von ihnen übrig bleibt, ins Lumpenproletariat hinabzustoßen“ – womit gemeint ist, die nicht emigrierten Juden auszuplündern und zu entrechten – zielt für Horkheimer darauf, die „bürgerliche Klassensolidarität“ mit den deutschen Juden in anderen Ländern zu untergraben: „Arme Juden sind weniger bedauernswert“. Während er den deutschen Arbeitern zugute hält, „den Pogromen mit Ekel zugesehen“ zu haben, unterstellt er selbst den Ländern, die jüdische Flüchtlinge aufnahmen, antisemitische Sympathien. Sogar den einheimischen Juden wirft er Gegnerschaft gegen die Eingewanderten vor, insbesondere gegen Ostjuden. Beides sei bedingt durch ökonomische Ängste.[65] Eine weitere wesentliche Funktion des Antisemitismus erkennt Horkheimer in seiner Propaganda- und Einschüchterungswirkung, auch für die Expansionspläne des Nationalsozialismus, die gerade auf die antisemitischen Sympathien in anderen Ländern setzten:

In der totalitären Ordnung wird der Antisemitismus ein natürliches Ende finden, wenn keine Humanität, aber vielleicht noch ein paar Juden übrig sind. Der Judenhaß gehört der Phase des faschistischen Aufstiegs an. Ein Ventil ist der Antisemitismus in Deutschland höchstens noch für die jüngeren Jahrgänge der SA. Der Bevölkerung gegenüber wird er als Einschüchterung gebraucht. Man zeigt, daß das System vor nichts zurückschreckt. Die Pogrome visieren politisch eher die Zuschauer. Ob sich etwa einer rührt. Zu holen ist nichts mehr. Die große antisemitische Propaganda wendet sich ans Ausland. [...] Die Grausamkeit, über die man sich entrüstet, weiß man insgeheim zu würdigen. In Kontinenten, von deren Ertrag die gesamte Menschheit sich ernähren könnte, fürchtet jeder Bettler, daß der jüdische Einwanderer ihn um seine Nahrung bringt.[66]

Horkheimer warnt darum die jüdischen Flüchtlinge, ihre Hoffnungen wie seit der Französischen Revolution vergebens auf die liberalen Ordnungen oder nun auf einen zweiten Weltkrieg zu setzen. Er wirf ihnen sogar vor, sich mit den „reaktionären“ Kräften des bürgerlichen Lagers verbündet und so Schuld auf sich geladen und die antisemitische Gemeinsamkeit der modernen Welt ignoriert zu haben. Hoffnung bleibt wenig, mit der Möglichkeit einer endlosen Dauer des „Faschismus“ wird gerechnet.[67] Zwar gesteht Horkheimer differenzierend zu, daß der Liberalismus „die Elemente einer besseren Gesellschaft enthielt. Das Gesetz besaß noch eine Allgemeinheit, die auch die Herrschenden betraf“.[68] Demgegenüber ist im Nationalsozialismus die „Anonymität in Planmäßigkeit übergegangen [...]. Im Führerstaat werden die, die leben und die sterben sollen, vorsätzlich designiert“.[69] Aber der historische Übergang vollzog sich fließend, die befreienden Potentiale der liberalen Ordnung wurden nicht ausgeschöpft.[70]

Die Interpretation des nationalsozialistischen Antisemitismus, die Horkheimer hier entwirft, ist rein funktionalistisch, von ökonomischem Reduktionismus gekennzeichnet. Eine eigenständige Bedeutung der antisemitischen Ideologie oder eine neue Qualität der nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen wird nicht erkannt. Als Endpunkt der antijüdischen Politik kann sich Horkheimer eine völlige Vertreibung der Juden aus Deutschland und eine völlige Entrechtung der letzten in Deutschland verbliebenen Juden vorstellen, aber eine systematische Ermordung liegt für ihn wie für die Mehrheit seiner Zeitgenossen 1939 noch nicht im Bereich des Möglichen. Die Furcht vor der Ausbreitung „faschistischer“ Herrschaft durchzieht den Aufsatz. Horkheimers Prägung und Erfahrung erlaubte offensichtlich noch nicht, den Nationalsozialismus als spezifische Gefahr für die Juden zu erkennen. Er, der überhaupt erst durch das aufgezwungene Exil und den später bekanntgewordenen Massenmord sich als Jude zu definieren begann, sah den Nationalsozialismus vielmehr als eine generelle Bedrohung für die bürgerliche Gesellschaft an.

Man muß berücksichtigen, daß Horkheimer diese Zeilen vor Auschwitz schrieb, aus einem universalistischen und noch nicht aus einem jüdischen Selbstverständnis heraus. Dennoch waren seine teils metaphorischen Darstellungen der Juden historisch nicht haltbar. Die Unterstellung einer signifikanten Rolle – und eben nicht nur einer relevanten Anwesenheit – der Juden in der Zirkulationssphäre entsprach nicht den Tatsachen, sondern seinem Ökonomismus. Horkheimer identifiziert „gegen alle Empirie die Juden mit der Sphäre der Zirkulation schlechthin“. Auch theorieimmanent ist das nicht stichhaltig. Er neigt „zu der irrigen Auffassung, im Nationalsozialismus werde die Ökonomie zur Macht selbst. Dieser Fehlschluß unterläuft ihm deshalb, weil er Zirkulation, die Sphäre des Marktes, schlichtweg mit der kapitalistischen Ökonomie in eins setzt“. Außerdem erstaunt der „süffisante Tenor“, wonach die Juden an ihrem Schicksal nicht ganz schuldlos seien.[71] Hier wie auch in der Annahme, die Juden seien nicht als Juden gezielte Opfer des Nationalsozialismus, wird die marxistische, antikapitalistische Prägung Horkheimers besonders deutlich. Aber dies waren die historischen Bedingungen, unter denen sein Aufsatz entstand. Neumanns kurz darauf im „Behemoth“ entwickelte Deutung hält sich ebenfalls an funktionale Erklärungen des Antisemitismus, ist aber bereits mit dem Ausmaß der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik besser vertraut.

1.2. Franz Neumanns „Behemoth“ und die nationalsozialistische Judenverfolgung
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Franz Neumann (1900-1954) stammte aus einer stark von jüdischen Traditionen geprägten kleinbürgerlichen Familie in Kattowitz. Seine Herkunft unterschied sich von derjenigen des in einer jüdischen Traditionen weniger Beachtung schenkenden großbürgerlichen Berliner Familie aufgewachsenen Herbert Marcuse (1898-1979). Beide wurden im New Yorker Exil zu den engsten Freunden, sie gingen gemeinsam nach Washington in den Staatsdienst und blieben bis zu Neumanns frühem Tod durch einen Autounfall einander eng verbunden. Beide mußten bereits 1933 emigrieren. Der Philosoph Marcuse war gerade Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung geworden und fand in dessen Genfer Büro Aufnahme, bis er 1934 nach New York in die neue Hauptstelle des Instituts gelangte.

Der Jurist Neumann betrieb seit 1928 in Berlin eine Gemeinschaftskanzlei mit dem später im Exil ebenfalls als scharfsinnigem Analytiker des Nationalsozialismus hervorgetretenen Ernst Fraenkel. Beide avancierten zu den wichtigsten Anwälten der deutschen Gewerkschaftsbewegung, Neumann wurde Syndikus der Baugewerkschaft und der SPD. Auch wissenschaftlich war Neumann tätig, er stand in Kontakt mit Carl Schmitt und dessen Schüler Otto Kirchheimer. Nach seiner kurzzeitigen Verhaftung und nach der Besetzung seiner Kanzlei durch die SA im Mai 1933 floh Neumann mit seiner Familie nach London. Dort setzte er zunächst die Arbeit für die SPD fort. Zugleich wurde ihm an der London School of Economics ein Studium der Politikwissenschaften ermöglicht, das er 1936 mit einer Promotion bei Harold Laski abschloß. 1936 ging Neumann in die USA, 1937 wurde er Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung, für das er bereits seit 1934 von London aus in juristischen Belangen gelegentlich tätig war. Er wurde hauptsächlich für juristisch-administrative Aufgaben eingesetzt, aber es blieb ihm Zeit, seit dem Sommer 1939 am „Behemoth“ zu arbeiten, den er im August 1941 abschloß und Anfang 1942 veröffentlichte. 1944 erschien eine erweiterte Fassung, als Neumann längst Mitarbeiter Washingtoner Regierungsstellen geworden war. Im Juli 1942 trat er dem Board of Economic Warfare (BEW) bei, im März 1943 wechselte er ins Office of Strategic Services (OSS).[72]

Der „Behemoth“, die bis dahin umfassendste Analyse der „Struktur und Praxis des Nationalsozialismus“, machte seinen Verfasser schlagartig in den USA bekannt. Neumann wurde lobend rezensiert und galt nun als der wichtigste Experte für den Nationalsozialismus, um dessen Mitarbeit sich Regierungsstellen bemühten.[73] Noch heute betrachtet die Forschung den „Behemoth“ als einen Meilenstein in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, seine Analyse der NS-Wirtschaft gilt wichtigen Stimmen als „immer noch grundlegend“.[74] Das ist um so erstaunlicher, als Neumann zum damaligen Zeitpunkt nur öffentlich verfügbare Quellen zugänglich waren – deutsche Zeitungen, ökonomische Zeitschriften, statistische Jahrbücher und ähnliche Quellenbestände, mit denen er in den Bibliotheken des Instituts für Sozialforschung und der Columbia University arbeitete.[75]

Die Grundthese des „Behemoth“ besagt, das nationalsozialistische Regime sei ein formloses Gebilde, zugleich totalitärer Staat und totalitäre Bewegung.[76] Daher rührt die Bezeichnung „Behemoth“, die sich auf die jüdische Eschatologie und auf Hobbes stützt: Meint „Leviathan“ einen Staat, den Zustand eines „politischen Zwangssystems, in dem Reste der Herrschaft des Gesetzes und von individuellen Rechten noch bewahrt sind“, bezeichnet „Behemoth“ dagegen „einen Unstaat, ein Chaos, einen Zustand der Gesetzlosigkeit, des Aufruhrs und der Anarchie“.[77] Genau dazu entwickele sich der Nationalsozialismus, erklärt Neumann 1941 zu Anfang seines Werkes.[78]

Diese Struktur ist konstituiert durch die Konkurrenz von „vier festgefügten zentralisierten Gruppen, von denen jede nach dem Führerprinzip operiert und ihre eigene legislative, administrative und judikative Gewalt besitzt“[79] – NS-Apparat, Staatsbürokratie, Großindustrie und Wehrmacht. Diese Einschätzung wird 1944 korrigiert, weil sich mittlerweile im Krieg eine Machtverschiebung vollzogen hat: Die Ministerialbürokratie hat weitgehend ihren Einfluß verloren, während die NS-Führung ihre Macht ausgebaut hat. Der nationalsozialistische Block teilt sich nun laut Neumann in zwei Apparate, in die Partei und in den zunehmend dominierenden SS-Sicherheitsapparat. Wehrmacht und Großindustrie behalten Einfluß, auch wenn sie eine neue Rolle spielen. Es bleibt bei vier Machtzentren.[80] Neumann beobachtet diese Zusammenhänge besonders im Bereich der Wirtschaft. Er nennt das System wie erwähnt „totalitärer Monopolkapitalismus“.[81] Damit drückt er auch aus, daß die dominierenden Gruppen ihrer Konkurrenz zum Trotz in die gleiche Richtung streben. „Im Hinblick auf die imperialistische Expansion besitzen der Nationalsozialismus und das Großkapital identische Interessen.“[82] 1944 glaubt Neumann sogar eine zunehmende Verschmelzung der Gruppen zu „Praktikern der Gewalt“ zu erkennen[83] – also die „Tendenz zur Fusion ökonomischer und politischer Herrschaft“ in der letzten Kriegsphase.[84]

Diese Herrschaft dominierender Gruppen ist ein widersprüchliches System. Die Staatsgewalt ist einerseits einheitlich und absolut, man kann von einem „totalitären Staat“ sprechen.[85] Andererseits bauen die herrschenden Gruppen eigene, mit dem Staat konkurrierende und ihn zersetzende Souveränitäten auf – allen voran die Partei, die eine völlig autonome Stellung eingenommen hat.[86] Integriert wird dieses enorm labile System durch die charismatische Herrschaft des „Führers“.[87] In Anlehnung an Max Weber analysiert Neumann die Stellung des „Führers“ als das verbindende Glied, das durch seine charismatische Gestalt den Widerspruch zwischen den konkurrierenden Gruppen und divergierenden politischen Interessen verbirgt. Der „Führer“ ist die einzige Stelle, in der beide Ordnungen des Systems zusammenlaufen, Staat und Bewegung, deren Spitzen er gleichzeitig verkörpert. Hitler gilt den Seinen als „der oberste Führer“; „in seiner Person ist die Macht des Staates, des Volkes und der Bewegung vereint“.[88] Neumanns Untersuchung der Struktur der vier Herrschaftsgruppen kommt zu dem Schluß: „Tatsächlich gibt es außer der charismatischen Führergewalt keine Autorität, die jene vier Gewalten koordinieren und keine Stelle, wo der zwischen ihnen ausgehandelte Kompromiß auf eine allgemeingültige Grundlage gestellt werden könnte.“[89] In der Tat gilt Neumanns Analyse als die erste umfassende Ausarbeitung der bis heute von maßgeblichen Forschern vertretenen These von der polykratischen Natur des nationalsozialistischen Herrschaftssystems.[90]

Insgesamt widmet sich Neumanns Nationalsozialismusanalyse nur wenig der antijüdischen Politik und Ideologie des Regimes. Genauer besehen, haben die Maßnahmen gegen Juden jedoch eine große Bedeutung für Neumanns vorangehend zusammengefaßte Gesamtbeurteilung des Systems als „Unstaat“. Das gilt besonders für Neumanns Analyse des Rechtssystems im nationalsozialistischen Deutschland.[91] Die von Neumann hier entwickelte Rechtskonzeption sollte noch Einfluß auf die Planung der Nürnberger Prozesse haben. [92] Grundlage seiner Analyse ist ein qualifizierter Gesetzesbegriff, wonach voluntas und ratio, Form und Inhalt, ein Akt des Souveräns und eine vernünftige Norm ein Gesetz kennzeichnen müssen, damit es als Gesetz gelten kann. Für Neumann überwiegt in der Tradition der Aufklärung der normative Anspruch an das Gesetz, wohingegen der Wille des Souveräns als formales Kriterium nur von untergeordneter Bedeutung ist. Materiale und formale Elemente müssen verknüpft sein. Kern aller normativen Kriterien eines rationalen Gesetzesbegriffs ist die Allgemeinheit und Gleichheit des Gesetzes.[93]

Die gesamte Rechtstheorie des Nationalsozialismus leugnet jedoch die Allgemeinheit und Gleichheit des Gesetzes,[94] und auch die Rechtspraxis des Nationalsozialismus hat ein allgemeines, gleiches, rationales Gesetz beseitigt. Die Allgemeingültigkeit von Normen wie etwa das Grundrecht, das den einzelnen vor willkürlichen Eingriffen der öffentlichen Gewalt in die Freiheitssphäre des Individuums schützt, wurde abgeschafft. Anders als Ernst Fraenkel in seinem 1938 bereits abgeschlossenen Werk „Der Doppelstaat“[95] betont Neumann, daß der Nationalsozialismus „die Allgemeinheit des Gesetzes und mit ihr auch die Unabhängigkeit der Richter“ nicht nur punktuell, sondern systematisch und „vollkommen“ zerstört hat.[96]

An dessen Stelle ist eine Fülle antiegalitärer Einzelregelungen getreten. Der deutlichste Beweis dafür sind Neumann die Maßnahmen gegen Juden. Das Recht wird umfunktioniert zu einem Instrument der Bewahrung der Existenz des „Volkskörpers“. Es hebt nun „biologische Unterschiede“ hervor und negiert die rechtliche Gleichheit. „Getreu den Lehren des Rassenimperialismus“ wird das willkürliche deutsche Strafrecht sogar weit über die Grenzen Deutschlands hinaus ausgedehnt.[97] Bis ins Detail und so umfassend wie kein anderes in dieser Arbeit besprochenes Werk dokumentiert Neumanns „Behemoth“ die Maßnahmen gegen Juden, die zur völligen Entrechtung geführt haben.[98] Seit der Reichstagsbrandverordnung von 1933 vollzieht sich eine Transformation des Rechts, von dem nur noch „willkürlicher Dezisionismus“ übriggeblieben ist.[99] Das Resultat ist für Neumann eindeutig: Der Nationalsozialismus ist keine Rechtsordnung, sein System verdient nicht den Namen Recht – „das nationalsozialistische Rechtssystem ist nichts als eine Technik der Manipulation der Massen durch Terror“.[100]

Nicht zuletzt die rechtliche Analyse der antijüdischen Politik des deutschen Regimes veranlaßt Neumann also zu der zentralen These des „Behemoth“, der Nationalsozialismus sei ein „Unstaat“. Neumann setzt sich außerdem in einigen Teilen seines Werkes gezielt mit dem Antisemitismus und der Judenverfolgung in Deutschland auseinander.[101] Eine längere Untersuchung zum „Volkstum“ als Quelle der charismatischen Macht des Führers beschreibt, wie der Rassismus – und damit der Antisemitismus als „deutsche Form des Rassismus“ – den Nationalismus als herrschende Ideologie verdrängt hat. In einer historischen Abhandlung ergründet Neumann zunächst die Wurzeln dieses Prozesses. Er unterstreicht anfangs, daß die Mehrheit der Anthropologen weder überlegene noch unterlegene, noch überhaupt reine Rassen kenne. Grundsätzlich sieht er einen Zusammenhang von Rassismus und Minderheitenverfolgung, Ziel ist die Rechtfertigung von Ungleichheit. Nationsbegriff und Nationalismus zielten hingegen im Gefolge der Französischen Revolution auf die Einheit verschiedener Interessen von freien und gleichen Bürgern.[102]

Das Prinzip nationaler Souveränität hemmte bald die imperialistische Expansion. Rassenbiologische Ideologien dienten nun dazu, die Überlegenheit der Eroberer und die Rechtmäßigkeit der Expansion zu begründen. In der deutschen Geistesgeschichte entwickelte sich eine radikalere rassistische Haltung als in anderen Ländern, weil sich der deutsche Expansionsdrang gegen starke Staaten im Osten richtete und nicht auf schwache koloniale Gebiete erstreckte. Der Glaube an die Überlegenheit der „nordischen Rasse“ schließlich führte zu dem auch von Hitler anfangs vertretenen Gedanken, die beiden germanischen Völker Englands und Deutschlands seien zur gemeinsamen Weltherrschaft berufen. Der deutsche Rassismus war laut Neumann schon immer eng mit dem Antisemitismus verschlungen. Seit Luther entwickelte sich im deutschen Geistesleben eine aggressive antisemitische Haltung, die sich kulturell den Juden überlegen sah und zugleich eine jüdische „Weltverschwörung“ fürchtete. Nur die „Arbeiterbewegung blieb immun“ gegenüber der antisemitischen Ideologie, betont Neumann, einst Anwalt der deutschen Arbeiterbewegung.[103]

Nachdem er die Vorgeschichte skizziert hat, wendet sich Neumann der aktuellen Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland zu. Es ist eine besondere Stärke des „Behemoth“, auch da, wo er theoretische Schwächen zeigt und zu funktionalistischen Erklärungen neigt, auf dichter empirischer Basis die antisemitische Natur des nationalsozialistischen Systems nachzuweisen. Der Mangel in der Interpretation wird so ausgeglichen durch die Dokumentation, die jedem Leser erlaubt, sich sein eigenes Bild zu machen. Ohnehin finden sich in Neumanns Analyse der Judenverfolgung auch einige wenig beachtete Elemente, die über eine rein funktionalistische Interpretation hinausgehen.

„Der Nationalsozialismus“, so steht für Neumann 1941 fest, „ist die erste antisemitische Bewegung, die die völlige Ausrottung der Juden verficht. Aber dieses Ziel ist nur Teil eines weitergehenden, als ‘Reinerhaltung des deutschen Blutes’ definierten Planes, in dem sich Barbarei und einige progressive Züge zu einem abstoßenden Ganzen verbinden.“[104] Der Antisemitismus wird im Rahmen eines umfassenderen rassistischen Programms gedeutet. Im Einklang damit stellt Neumann einen Zusammenhang zum „Euthanasie“-Programm her. Die „Exekution von etwa 50 000 Geisteskranken“ ist ihm bereits bekannt. Zum anderen sieht er eine Verbindung von Judenverfolgung und nationalsozialistischer Bevölkerungspolitik, die bereits zu grausamen Maßnahmen wie der Ermordung „nicht lebenstüchtiger“ Kinder geführt hat. Aufgrund dieser Analyse einer umfassenden rassistischen Politik zieht Neumann einen Vergleich zum sowjetisch-stalinistischen System: „In dieser Hinsicht besteht ein vollkommener Unterschied zwischen dem Nationalsozialismus und dem Bolschewismus. Das Privileg der Nazis ist nicht die Verfolgung politischer Gegner – sie wird in beiden Ländern ausgeübt – sondern die Ausrottung hilfloser Individuen“.[105]

Die antisemitische Zielrichtung dieser rassistischen Verfolgungspolitik belegt Neumann durch eine ausführliche Darstellung der antijüdischen Gesetzgebung im Deutschen Reich.[106] Er zeigt, wie jüdische Deutsche Schritt für Schritt entrechtet und aus Wirtschaft und öffentlichem Leben, schließlich von der Berufsausübung und ihrem Besitz ausgeschlossen wurden. Eingehend widmet er sich der „Arisierung“ jüdischen Vermögens, die durch Verträge, mit illegalen Methoden und durch Gesetze betrieben wurde. In diesem Zusammenhang und unter Verweis auf die hauptsächlichen Profiteure der Enteignungen in den Großunternehmen äußert Neumann eine funktionalistische Deutung der Maßnahmen, wonach „die wirtschaftliche Verfolgung der Juden ein bloßes Ablenkungsmanöver war, das den Anschlag auf den gesamten Mittelstand verschleiern sollte“.[107] Für Neumann besteht eine Interessenidentität zwischen dem antisemitischen Parteiapparat und der Großwirtschaft, die die wirtschaftliche Vernichtung der Juden vorantrieb. Auch die Pogrome im November 1938, die zu absurden wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen gegen die geschädigten Juden führten, sind in seinen Augen „Teil eines langgehegten Planes. Die Unzufriedenheit unter den kleinen Geschäftsleuten über ihre Hinausdrängung aus dem Wirtschaftsleben mußte abgelenkt werden.“[108] Derartige deutende Bemerkungen machen jedoch den geringsten Teil seiner Dokumentation aus. Neumann schließt seine Bestandsaufnahme der antijüdischen Maßnahmen mit den Worten: „So gehen Rassentrennung, politische Versklavung, wirtschaftliche Vernichtung und kulturelle Isolation Hand in Hand“.[109]

Einen Interpretationsversuch dieser Verfolgungsmaßnahmen nimmt die Darstellung der „Ideologie des Antisemitismus“ vor. Das schrittweise Vorgehen der Verfolger hat Neumann zufolge einen dreifachen Grund: Rücksichten auf die öffentliche Meinung im Ausland bis 1938 und auf ausländische Wirtschaftspartner zwangen dazu, der Verfolgung den Anschein der Legalität zu geben. Die wirtschaftlichen Maßnahmen gegen Juden waren ein Mittel der Beuteverteilung, wodurch eine Umverteilung des Vermögens zugunsten der das Regime unterstützenden führenden Wirtschafskreise stattfand. So wurde der politische Zusammenhalt des Systems gestärkt. Zuletzt spielten psychologische Faktoren eine Rolle – die „antikapitalistischen Sehnsüchte des deutschen Volkes“ wurden gestillt, indem das Regime seinen Willen und seine Macht zeigte, auch Privateigentum anzutasten und so die Hoffnung der Menschen auf künftige Verstaatlichungen an das Regime zu knüpfen. Das schrittweise Vorgehen erlaubte es, „fertig in der Schublade“ liegende antijüdische Pläne immer dann umzusetzen, wenn die „Volksmassen“ angespornt oder abgelenkt werden mußten.[110]

An dieser Stelle fällt auch Neumanns oft zitierte und besonders auf die Arbeiterschaft gemünzte Äußerung: „Nach meiner persönlichen Überzeugung ist das deutsche Volk, so paradox das auch scheinen mag, noch das am wenigsten antisemitische.“ Neumann begründet diese Aussage damit, daß trotz jahrelanger unaufhörlicher antisemitischer Propaganda keine einzige „spontane antijüdische Aktion von Personen, die nicht der NSDAP angehören“, nachzuweisen sei.[111]

Die antijüdischen Maßnahmen des Regimes, die Neumann „antisemitischen Terrorismus“ nennt, bedürfen seiner Ansicht nach allerdings einer differenzierten Erklärung. Zu diesem Zweck unterscheidet er totalitären und nicht-totalitären Antisemitismus. „Für den totalitären Antisemiten“ – und es wird durch die anschließende Beschreibung der absurden, irrationalen Maßnahmen des Regimes deutlich, daß Neumann als solche die Führungsebenen der Partei und des Sicherheitsapparates ansieht – „ist der Jude schon längst kein Mensch mehr. Er ist zur Inkarnation des Bösen in Deutschland, ja in der ganzen Welt geworden. Mit anderen Worten, der totalitäre Antisemitismus trägt magischen Charakter und entzieht sich jeder Diskussion.“[112] Diese Form des Antisemitismus entzieht sich auch jeder funktionalistischen Erklärung. Es wird selten beachtet, daß Neumann trotz des Übergewichts funktionaler Theorien eine solche Dimension des Antisemitismus kennt. Explizit führt er aus:

Freilich ist der Antisemitismus im heutigen Deutschland mehr als ein bloßes Mittel, dessen man sich bedient, solange es nötig ist, und das man fallen läßt, sobald es seinen Zweck erfüllt hat. Wir dürfen nicht vergessen, daß der Nationalsozialismus die deutsche Geschichte, ja sogar die Weltgeschichte im Sinne der Bekämpfung, Bloßstellung und Ausrottung des jüdischen Einflusses umschreibt. [...] Wie ernst der Nationalsozialismus die „wissenschaftliche Erforschung“ der Judenfrage nimmt, zeigt sich am Beispiel der Eröffnung des „Instituts zur Erforschung der Judenfrage“ [...][113]

Im nicht-totalitären Antisemitismus erkennt Neumann dagegen „Reste von Rationalität“, die ihn einer Analyse zugänglich machen. Es handelt sich um religiöse, ökonomische, politische und soziale Faktoren. Religiöser Antisemitismus ist für Neumann in Deutschland weitgehend inexistent. Die ökonomische Grundlage des Antisemitismus deutet Neumann ähnlich wie Horkheimer zuvor: Obwohl sie nur „Vermittler“ waren, galten die Juden vielen in der deutschen Bevölkerung, denen die dahinterstehenden Strukturen des nichtjüdischen Industrie- und Finanzkapitalismus verborgen blieben, als der „konkrete Ausdruck des Kapitalismus“, mit dem sie in ihrer alltäglichen Lebenswelt konfrontiert wurden. Die antikapitalistischen Sehnsüchte ebenso wie die Angst vor der modernen Welt und Kultur konzentrierten sich im Haß oder Ressentiment gegen die Juden.[114] Politisch wiederum sei der Antisemitismus als Ideologie dem deutschen Imperialismus dienstbar – etwa um die Freundschaft der arabischen Welt zu gewinnen.[115]

Den Kern seiner Antisemitismusdeutung legt Neumann im folgenden dar, wenn er selbst drei wesentliche Gründe für die antijüdische Politik im deutschen Machtbereich benennt: „Erstens sind Rassismus und Antisemitismus ein Ersatz für den Klassenkampf. Die offiziell etablierte, den Klassenkampf verdrängende Volksgemeinschaft benötigt ein integrierendes Element.“ Der „Jude“ wird zum Feind und Sündenbock gemacht. Im Kampf gegen ihn integriert sich die „arische Gesellschaft“. Neumanns Schlußfolgerung daraus wird häufig zitiert: „Dieser innenpolitische Wert des Antisemitismus läßt deshalb eine völlige Vernichtung der Juden niemals zu.“[116] Diese prognostischen Sätze von 1941, die auch 1944 nicht gestrichen wurden, verraten eine vom marxistischen Klassenkampfschema getrübte Wahrnehmung bei Neumann, der zwar die neue Qualität der Judenverfolgung in ihren Einzelheiten erkannte, aber bei einer vertrauten und rational zugänglichen Gesamtdeutung blieb.

„Zweitens bietet der Antisemitismus eine Rechtfertigung für die Expansion nach Osten.“ Die Rassentheorie erlaubt die „völlige Versklavung der im Osten lebenden Juden“. Eine Rassenhierarchie spielt die Minderheiten im Osten gegeneinander aus und schafft mit den Volksdeutschen und den Ukrainern bevorrechtigte Gruppen, auf die sich die deutsche Herrschaft im Osten stützen kann. Zuunterst stehen die Juden, die besonders zu leiden haben. „Ihr kulturelles, wirtschaftliches, rechtliches und politisches Getto ist, wie in Warschau und Krakau, Schritt für Schritt in ein physisches Getto verwandelt worden.“ Neumann nennt auch die Übernahme der deutschen „Judengesetze“ für Polen, den Arbeitszwang, das Tragen des gelben Sterns, die Konfiszierung des Vermögens.[117] „Drittens schließlich ist der Antisemitismus in Deutschland ein Ausdruck der Ablehnung des Christentums und all dessen, wofür es steht.“ Das ist für Neumann in diesem Zusammenhang die Idee der Gleichheit aller Menschen und das Prinzip der Demokratie. Antichristliche und antijüdische Motive verschmolzen mit darwinistischem Naturalismus, Nationalismus und moralischem Nihilismus zu einer Protestbewegung gegen die bürgerliche Zivilisation.[118]

In einem Nachtrag von 1944 verdichtet Neumann seine funktionale Interpretation des Antisemitismus zur sogenannten „Speerspitzentheorie“ des Antisemitismus.[119] Er skizziert kurz den Fortgang der antijüdischen Maßnahmen. Dann erklärt er, „die Verfolgung der Juden, wie sie vom Nationalsozialismus praktiziert wird“, sei „lediglich das Vorspiel zu noch vielen anderen, nicht weniger schrecklichen kommenden Dingen“. Neumann verweist auf Maßnahmen gegen Polen, Tschechen, Franzosen, antifaschistische Deutsche und viele weitere, die ebenfalls in „Konzentrationslager geworfen“ wurden und „unter das Beil des Henkers“ fielen. Daraus schließt Neumann unter Bezugnahme auf marxistische Kategorien:

Der Antisemitismus ist daher die Speerspitze des Terrors. Die Juden werden wie Versuchstiere benutzt, um die Methoden der Repression zu benutzen.
Aber wahrscheinlich nur die Juden können diese Rolle einnehmen. Denn der Nationalsozialismus, der angeblich den Klassenkampf beseitigt hat, benötigt einen Feind, der durch seine bloße Existenz die antagonistischen Gruppen in dieser Gesellschaft integrieren kann. Dieser Feind darf nicht allzu schwach sein. Wäre er zu schwach, könnte er in den Augen des Volkes nicht zum obersten Feind erklärt werden. Doch darf er auch nicht zu stark sein, denn sonst würden die Nazis ja in einen ernsten Kampf mit einem mächtigen Gegner verwickelt. Aus diesem Grund ist auch die katholische Kirche nicht in den Rang eines obersten Feindes erhoben worden. Aber die Juden erfüllen diese Rolle geradezu großartig.
Folglich stellt die Ausrottung der Juden in dieser antisemitischen Ideologie und Praxis nur ein Mittel dar, das schließliche Ziel zu erreichen, nämlich die Zerstörung freiheitlicher Institutionen, Meinungen und Gruppen. Dies könnte man als Speerspitzentheorie des Antisemitismus bezeichnen.[120]

Der Hauptzweck des Antisemitismus wird anschließend bei Neumann deutlich. Die Judenverfolgung diene als Speerspitze der nationalsozialistischen Repression, weil die „Gegensätze in der deutschen Gesellschaft [...] nur durch die allumfassende Terrormaschine verdeckt“ seien. Neumann protokolliert die „physische Ausrottung der Juden“, die „planvolle Ausrottung der Juden“, eine „konstante und folgerichtige Politik des Nationalsozialismus“. Doch die planvolle Ausrottungspolitik muß in seinen Augen eine letztlich funktionale Erklärung finden. Daß der Mord an den Juden ein Selbstzweck sein könnte, kommt ihm nicht in den Sinn. Die „Funktion des Antisemitismus“ aus Neumanns Sicht des Jahres 1944 besteht einerseits darin, eine totalitäre Gesellschaft zu erschaffen und die Reste liberaler Tradition zu zerstören. Der Antisemitismus dient als „Testfeld universaler terroristischer Methoden“, die sich gegen all jene richten, „die sich dem Nazisystem nicht voll und ganz unterworfen haben“. Andererseits binde die Vernichtungspolitik die Mehrzahl der Deutschen um so fester an das Regime, je mehr sie in die Verbrechen verstrickt seien:

Die auf Befehl der Nazis von immer breiteren Schichten des deutschen Volkes praktizierte Verfolgung der Juden verwickelt diese Schichten in eine kollektive Schuld. Die Teilnahme an einem so ungeheuren Verbrechen wie der Ausrottung der Ostjuden macht die deutsche Wehrmacht, das deutsche Beamtentum und die breite Masse zu Mittätern und Helfern dieses Verbrechens und macht es ihnen daher unmöglich, das Naziboot zu verlassen.[121]

Neumann erkennt, daß es sich bei der Verfolgung und Ermordung der Juden um ein „ungeheures Verbrechen“ handelt, aber er begreift nicht, daß dieses Verbrechen nicht mit funktionalen Theorien zu erklären ist. Er versteht den Antisemitismus nur als eine, wenn auch wesentliche Ausdrucksform des nationalsozialistischen Rassismus. Letztlich bestehe seine Funktion darin, die nationalsozialistische Herrschaft ideologisch zu sichern. Auch wenn Neumanns Wahrnehmung durch marxistische Schemata geprägt ist, auch wenn er dem Judenmord vergleichsweise wenige Seiten seines „Behemoth“ widmet, auch wenn er offensichtlich noch nicht das ganze Ausmaß der Verbrechen überschaut, bleibt doch zu konstatieren: Neumann ignoriert die Realität des Holocaust nicht. Neumann bezeichnet den Antisemitismus als Kern der nationalsozialistischen Ideologie, aber er übersieht, daß die Vernichtungspolitik in erster Linie einer antisemitischen Logik folgte. Er beschreibt zutreffend den Prozeß der zunehmenden Entrechtung und Mißhandlung von Juden. Der systematische Massenmord an den Juden wird ausdrücklich, aber nur beiläufig erwähnt. Insofern stehen in Neumanns „Behemoth“ die Dokumentation der Judenverfolgung und die theoretische Schwäche ihrer Interpretation in einem Spannungsverhältnis.

Um zu einer angemessenen Beurteilung von Neumanns Ansatz zu finden, um der Stellung des „Behemoth“ gerecht zu werden, sind die Überlegungen zu berücksichtigen, die Raul Hilberg nachträglich zum „Behemoth“ und zu Neumanns Haltung anstellte. Hilberg, der Pionier der Holocaust-Forschung und Schüler Neumanns an der Columbia University, bezeichnet den „Behemoth“ als einen „Meilenstein“,[122] und er betont die Bedeutung des „Behemoth“ für die Erforschung des nationalsozialistischen Systems. Neumanns Analyse vier konkurrierender Machtzentren eröffnete der Forschung erst den Weg zu einem komplexen Verständnis des Herrschaftssystems. Hilberg zufolge haben sich die wesentlichen Einsichten des „Behemoth“ in die Natur des nationalsozialistischen Regimes bis heute gehalten: die These vom „Unstaat“; das Fehlen einer einheitlichen Ideologie; die Zerstörung des Rechtssystems; die bürokratische Rationalität im einzelnen, während es eine Gesamtrationalität nicht gab. Neumanns Analyse war außerdem von entscheidendem Einfluß auf die grundsätzliche Konzeption der Nürnberger Prozesse und der daraus resultierenden umfänglichen Dokumentation der nationalsozialistischen Verbrechen.[123]

Von besonderem Gewicht für die Fragestellung dieser Arbeit sind Hilbergs Ausführungen, wonach erst die Herrschaftsanalyse des „Behemoth“ Hilbergs eigene Analyse der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik ermöglichte. Wesentliche Elemente von Hilbergs konzeptionellem Gerüst sind seinen Aussagen zufolge dem „Behemoth“ entnommen. Hilbergs Begriff der „Maschinerie der Vernichtung“ ist aus Neumanns Analyse abgeleitet, ebenso Hilbergs Kernthese, der Vernichtungsprozeß habe bürokratischen Charakter gehabt. Hilberg konnte die Verwicklung der vier von Neumann identifizierten Herrschaftseliten in die systematische Ermordung der Juden nachweisen. Neumann wies Hilberg auf wichtige Dokumente hin und er vermittelte Hilberg Kontakte mit Robert Kempner und Telford Taylor, die in den Nürnberger Prozessen eine wichtige Rolle gespielt hatten und die Neumann aus seiner Zeit im OSS kannte. Hilbergs Arbeit selbst beruhte im wesentlichen auf den Dokumenten der Nürnberger Prozesse. Neumann hatte direkt und indirekt wesentlichen Anteil an Hilbergs grundlegender Studie über die nationalsozialistische Vernichtungspolitik.[124]

Zwei biographische Details, die Hilberg überliefert, geben zudem vielleicht einen Hinweis darauf, wie Neumann persönlich den Holocaust wahrnahm. Neumann hatte bereits Hilbergs Magisterarbeit über die Rolle der deutschen Beamtenschaft im Vernichtungsprozeß betreut. Als 1950 Hilberg Neumann sein Vorhaben vortrug, eine umfassende Darstellung des Judenmords als Dissertation vorzulegen, nahm Neumann den Vorschlag an. Aber er warnte Hilberg vor einem solchen Projekt mit den Worten: „Das ist Ihr Begräbnis!“[125] Hilbergs Meinung zufolge spielte Neumann damit auf die mangelnden Berufsaussichten für jemanden an, der sich diesem Thema verschrieb – damals, als weder Öffentlichkeit noch akademische Welt mehr darüber wissen wollten, als man „zukunftsorientiert“ sein wollte.

Allerdings könnte Neumann auch die außerordentliche Schwierigkeit im Sinn gehabt haben, die es bereiten würde, die „ungeheuren Verbrechen“ adäquat darzustellen. Eine weitere biographische Reminiszenz könnte diese Vermutung plausibel erscheinen lassen. Als Hilberg 1950 seine Magisterarbeit „The Role of the German Civil Service in the Destruction of the Jews“ einreichte, war Neumann weitgehend zufrieden. An einer Stelle jedoch verlangte er Änderungen. Dort hatte Hilberg das Verhalten der Juden und die Rolle der Judenräte im Vernichtungsprozeß beschrieben. Neumann verlangte: „Das kann man nicht ertragen, das müssen sie herausnehmen“. Er gab keinen wissenschaftlichen Grund an und ließ sich auf keine Diskussion ein, 

sondern er reagierte einfach als Jude. Punktum. Das hatte nichts zu tun mit seiner Theorie, schon gar nichts mit seinem Marxismus. [...] Ich glaube, in diesem Punkt verhielt sich Neumann wie jeder andere dem Judentum tief verpflichtete Mensch, als der er auf den ersten Blick ja gar nicht erschien, der er aber doch war.[126]

Hilberg kommt zu dem abschließenden Urteil, Neumanns Analyse der Judenverfolgung erfasse korrekt die Einzelheiten des Vernichtungsprozesses, aber wegen seines marxistischen „bias“ konnte Neumann „dann der Tatsache doch nicht voll ins Auge schauen, daß das jüdische Volk als solches annihiliert wurde, und er war nicht bereit, den durch und durch bürokratischen Charakter dieses Vernichtungsprozesses anzuerkennen“.[127] Zugleich blieb der „Behemoth“ ein „unverzichtbares analytisches Werkzeug“ für Hilbergs eigene Erforschung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.[128] In diesem Sinne läßt sich sagen, daß Hilbergs Werk „Die Vernichtung der europäischen Juden“[129] eine Fortsetzung derjenigen Teile des „Behemoth“ ist, in denen Neumann zu oberflächlich geblieben oder gescheitert ist.

Insgesamt bleibt festzuhalten, daß Neumann die Verfolgung und Ermordung der Juden im einzelnen deutlich wahrnahm. Seine Erklärungsversuche jedoch wurden den Nachrichten, die ihn erreichten, nur selten gerecht. Die Dimension der Verbrechen wird im „Behemoth“ nur angedeutet. Neumann setzte sein Wissen im „Behemoth“ nicht zu einem Gesamtbild der Vernichtungspolitik zusammen. Man muß dennoch die Darstellung der Judenverfolgung im „Behemoth“ differenzierter lesen, als es häufig geschehen ist. Und Neumann scheint persönlich geahnt zu haben, welch „ungeheure Verbrechen“ die Deutschen und ihre Verbündeten an den Juden verübten.

1.3. Antisemitismus und Genozid in der „Dialektik der Aufklärung“ [back to top]

Anders als Neumann legten Horkheimer und Adorno mit der 1944 vollendeten „Dialektik der Aufklärung“ keine empirische Studie über den Nationalsozialismus vor, sondern ein von den empirischen Vorgängen abstrahierendes philosophisches Werk. Dennoch bildet die Erfahrung des Nationalsozialismus und des Antisemitismus deutlich erkennbar den Hintergrund dieses Buches. Es entstand in intellektueller Kooperation zwischen Horkheimer, dem Direktor des Instituts für Sozialforschung, und Adorno, der sein Hauptmitarbeiter geworden war. Beide waren zwischenzeitlich von New York nach Kalifornien übergesiedelt. Die „Dialektik der Aufklärung“ wurde von beiden gemeinsam verfaßt. Die textkritische Forschung hat aber den Entstehungsprozeß rekonstruieren und den einzelnen Kapiteln die ursprünglichen Autoren zuordnen können. Das hier besonders relevante Kapitel „Elemente des Antisemitismus“ mit dem Untertitel „Grenzen der Aufklärung“ wurde demnach zuerst von Adorno unter Mitarbeit von Leo Löwenthal verfaßt. Die 1947 in der Druckfassung des Werkes den sechs zuvor entstandenen hinzugefügte siebte These des Kapitels stammt von Horkheimer.[130] Es liegen bereits einige historische Untersuchungen vor, die sich ausdrücklich mit der Deutung von Antisemitismus und Judenmord in der „Dialektik der Aufklärung“ auseinandersetzen.[131] Diesen Werken kann die vorliegende Arbeit nichts hinzufügen. Im Vorübergehen sollen nur einige fragmentarische Bemerkungen die Entwicklung andeuten, die die einst mit Marcuse und Neumann am Institut für Sozialforschung verbundenen Denker in diesen Jahren nahmen.

Die „Dialektik der Aufklärung“ ist ein Werk „unmittelbarer Zeitgenossenschaft zu Auschwitz“. In ihrem Grundzug wendet sie sich vom marxistischen Modell ab, das Geschichte als den Fortschritt gesellschaftlicher Freiheit ansieht. An die Stelle einer Teleologie des Fortschritts tritt die Dialektik von Fortschritt und Unterdrückung, von Aufklärung und Barbarei. Der mörderische Antisemitismus der Nationalsozialisten ist für Horkheimer und Adorno zwar das Resultat spezifischer historischer Bedingungen, aber er steht für ein allgemeineres Phänomen – für die Tendenz zur „Liquidation des abweichenden anderen“, die in allen modernen Gesellschaften vorhanden ist. Der Antisemitismus ist die sichtbare Barbarei inmitten des Fortschritts. Überwinden kann ihn erst eine Befreiung der Gesamtgesellschaft. Der Weg dorthin führt über die Selbstreflexion der Aufklärung – die Vernunft, die Aufklärung, der Fortschritt müssen sich ihres eigenen Unterdrückungspotentials bewußt werden und in diesem Bewußtsein auf eine allgemeine „Versöhnung“ hinarbeiten.[132]

Diese im einzelnen überaus komplexe und sich in dialektische Wendungen verschlingende Erklärung des Antisemitismus operiert auf verschiedenen Ebenen. Einerseits kennen Adorno, Horkheimer und Löwenthal so etwas wie Neumanns Speerspitzentheorie des Antisemitismus, wonach es die Arbeiter sind, „auf die es zuletzt freilich abgesehen ist“, und wonach die „hohen Auftraggeber“ die Juden „nicht hassen“, aber den Antisemitismus für ihre Zwecke einsetzen.[133] Wichtiger jedoch ist ein grundsätzlicher struktureller Defekt der menschlichen Gesellschaft, der zur Entstehung des Antisemitismus geführt hat. Grundlage dieser Deutungen ist die Psychoanalyse. Horkheimer und Adorno zufolge ist die Geschichte gekennzeichnet von Beherrschung und Unterdrückung. Jeder technische und wissenschaftliche Fortschritt verlangt, Vielfältiges und Verschiedenes starren Kategorien unterzuordnen und alles, was sich nicht in dieses Schema fügt, auszugrenzen oder zu zerstören. So kehrt die Barbarei und Gewalt, die anfangs die Natur über den primitiven Menschen ausübte, immer wieder zurück in der Gewalt, die nun die Menschen ihresgleichen, sich selbst – denn auch die Herrschenden müssen sich anpassen – und der Natur antun.[134]

Die historisch akute Form dieser Unterdückung ist der Antisemitismus, der den menschlichen „Drang nach Vernichtung“ zum „Ritual der Zivilisation“ erhebt.[135] Der Nationalsozialismus nutzt den Antisemitismus als herrschende Ideologie, weil er so die totale Kontrolle auch über die unkontrollierbaren Regungen seiner Untertanen erlangt: „Der Faschismus ist totalitär auch darin, daß er die Rebellion der unterdrückten Natur gegen die Herrschaft unmittelbar der Herrschaft nutzbar zu machen strebt. Dieser Mechanismus bedarf der Juden.“[136] Der Antisemitismus ist in dieser Deutung die Rache der Unterdrückten wegen des Sieges der Zivilisation über die Natur. Denn die Juden erscheinen bei Horkheimer und Adorno als Inbegriff der Zivilisation, als „Kolonisatoren des Fortschritts“.[137] Es gibt hier und auch andernorts in den „Elementen des Antisemitismus“ einige problematische Passagen, die den Juden eine Mitschuld daran zuzuschreiben scheinen, daß sie überhaupt Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit wurden, die dann in Verfolgung umschlug.[138]

Die tiefste Erklärungsebene begreift den Antisemitismus als ein pathologisches Phänomen – als den Ausfall der Reflexion im Urteilsprozeß. Die menschliche Wahrnehmung und Urteilskraft verfährt zwangsläufig projektiv, weil das Subjekt eine Einheit von innen und außen stiften muß. Der Antisemit jedoch verfällt in paranoische Selbst- und Weltzerstörung, er kontrolliert seine Projektionen nicht mehr. Ohne Halt an der Realität treibt er immer weiter, bis er zum „Terrorakt“ greift und zur „Ausrottung“ des anderen, der sich nicht in sein Wahnsystem einfügt.[139] Unter diesen Bedingungen kam es auch zur nationalsozialistischen Judenverfolgung. Horkheimer und Adorno meinen einerseits, es bleibe „dem von der Partei gelenkten Zufall überlassen“, gegen wen sich die Gewalt richte, andererseits jedoch seien die Juden „vorbestimmt“. Die Gründe dieser „Vorbestimmung“, die Juden als Opfer in den Blick der Verfolger rückt, sind vordergründig ökonomischer Natur – das Schwinden der von den Juden repräsentierten „Zirkulationssphäre“ sondert sie als leicht besiegbares Angriffsziel aus.[140] Auf einer viel tieferen psychischen Ebene ist die Verfolgung und Ermordung der Juden der Ausdruck eines urgeschichtlichen, aber immer unerfüllten und unterdrückten Verlangens nach Glück. Was die Juden scheinbar haben – tragen sie doch Züge „des Glückes ohne Macht, des Lohnes ohne Arbeit, der Heimat ohne Grenzstein, der Religion ohne Mythos“ – wird ihnen zum Verhängnis. Der paranoische Antisemit, dem das Glück unerreichbar ist, weil er im Kreislauf von Herrschaft und Unterdrückung feststeckt, erreicht in seinem Haß die „Vereinigung mit dem Objekt, in der Zerstörung“.[141] Er kennt das Glück nicht, darum soll niemand es haben. „Daß einer Jude heißt“, wirkt auf Antisemiten „als die Aufforderung, ihn zuzurichten, bis er dem Bilde gleicht“ – dem abscheulichen und entmenschlichten Bild nämlich, das sich der Antisemitismus von den Juden macht.[142] Der Antisemitismus ist also in der dialektischen Deutung von Horkheimer und Adorno sowohl „Ritual der Zivilisation“ als auch die Zerstörung der Zivilisation. In einem Brief aus dieser Zeit entwickelt Horkheimer diesen Gedanken in besonderer Klarheit:

[...] wittingly or unwittingly, the Jews have become the martyrs of civilization. To protect them is no longer an issue involving any particular group interests. To protect the Jews has come to be a symbol of everything mankind stands for. Anti-Semitic persecution is the stigma of the present world whose injustice enters all its weight upon the Jews. Thus, the Jews have been made what the Nazis always pretended that they were, the focal point of world history. Their survival is inseparable from the survival of culture itself.[143]

Die „Dialektik der Aufklärung“ entwirft in vielfachen, dialektischen und teilweise paradoxen Wendungen eine facettenreiche Deutung des Antisemitismus, auf die hier nur stark verkürzt eingegangen werden konnte. Eine eigene umfangreiche Arbeit wäre für eine angmessene Untersuchung erforderlich. Ein funktionaler Interpretationsrahmen wird aufrechterhalten, der nun allerdings weniger ökonomisch als psychoanalytisch argumentiert. Zugleich ergründet diese Erklärung die Tiefenstruktur des Antisemitismus, in der nicht mehr zwischen Intentionen und Funktionen unterschieden werden kann, sondern die letzten Gründe des Antisemitismus deutlich werden. Wie immer man die Gültigkeit ihres Erklärungsversuchs beurteilt, Horkheimer und Adorno bewegen sich jedenfalls auf einer abstrakten Ebene, die die konkrete Erfahrung der Opfer des Holocaust kaum einbezieht und spezifische Schritte der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik nicht analysiert. Im weiteren geht es darum, unter welchen Bedingungen Marcuse als Zeitgenosse des Holocaust die Vernichtungspolitik wahrnahm und zu welchem Verständnis der Verbrechen er dabei gelangte.


2. Politische Rahmenbedingungen: Die Forschungsabteilung des OSS [back to contents]

Eine ganze Reihe von Mitarbeitern des Instituts für Sozialforschung trat während des Zweiten Weltkriegs in die Dienste der amerikanischen Regierung: Friedrich Pollock als Berater des Board of Economic Warfare (BEW), Leo Löwenthal als Mitarbeiter des Office of War Information (OWI), Otto Kirchheimer, Herbert Marcuse und Franz Neumann als Mitarbeiter des Office of Strategic Services (OSS) und später im Außenministerium, das die entsprechende Abteilung des nach Kriegsende aufgelösten OSS übernahm.[144] Unter diesen Rahmenbedingungen erfuhren Marcuse und Neumann von der Verfolgung und Ermordung der Juden. Zur Spannung von Theorie und Erfahrung, wie sie bereits im vorangehenden Kapitel deutlich wurde, trat nun die institutionell verankerte Spannung von Theorie und Praxis. Diese äußeren Umstände der Wahrnehmung des Holocaust werden im folgenden dargestellt.

2.1. Entstehung, Entwicklung und Struktur des OSS [back to contents]

Die Geschichte des OSS ist ein Klassiker der Geheimdienstgeschichte. Obwohl dieser erste zentrale Nachrichtendienst der USA nur für wenige Jahre bestand, um 1945 aufgelöst und 1947 von der CIA beerbt zu werden, hat er bis heute seine Faszinationskraft nicht eingebüßt. Beleg dafür sind zahlreiche wissenschaftliche Studien,[145] nicht zu reden vom mythischen Nachleben in einer unüberschaubaren Memoirenliteratur und in einigen Hollywood-Filmen.[146] Im OSS, so heißt es, fanden die Notwendigkeiten eines Geheimdienstes und der liberale Geist des „New Deal“ zueinander.[147] Die gesamte Literatur führt diese Besonderheit auf das unermüdliche Engagement von William J. Donovan (1883-1959) zurück, eines Weltkriegshelden und erfolgreichen Wall-Street-Anwalts, der dem Ostküsten-Establishment der Republikaner angehörte und über gute Verbindungen zum demokratischen Präsidenten Roosevelt verfügte. Donovan war offen für neue Ideen – nach Ansicht mancher sogar bis zur Sprunghaftigkeit allzu offen – und sorgte dafür, daß im OSS ein weitgehend unhierarchischer Geist herrschte. Darin unterschied sich das OSS von anderen Behörden.[148]

Der konservative Interventionist Donovan war bestrebt, im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland und dessen japanische und italienische Verbündete jeden fähigen Kopf zur Verfügung zu haben, weshalb er gebürtige Amerikaner ebenso einstellte wie Emigranten aus feindlichen Staaten, konservative und antikommunistische Militärs, Beamte, Diplomaten, Industriebosse, Anwälte und Professoren ebenso wie liberale, linke und kommunistische Intellektuelle, Künstler und Wissenschaftler.[149] Wiederholt gerieten darum OSS und FBI in Konflikt, weil das FBI sogenannte „enemy aliens“ einer Sicherheitsüberprüfung unterziehen mußte und außerdem bereits mit der Überwachung von Personen begonnen hatte, die kommunistischer Sympathien verdächtigt wurden.[150]

Traditionellerweise herrschte in den USA Mißtrauen gegenüber Geheimdiensten, deren Arbeitsweise als mit den Grundsätzen einer liberalen Demokratie nicht vereinbar galt. Während vielfältige Nachrichtendienste in den USA bei Bedarf in Kriegszeiten eingerichtet wurden, um anschließend wieder aufgelöst zu werden, markiert die Gründung des OSS einen Wendepunkt.[151] Seit 1939 sind Überlegungen dokumentiert, eine zentrale Geheimdienstbehörde einzurichten. Die treibende Kraft hinter diesen Plänen wurde bald Donovan.[152] Darin bestärkt hatten ihn Reisen, die er im Auftrag des Präsidenten nach England und in den Nahen Osten unternahm. Sie machten ihm das Ausmaß der Bedrohung Großbritanniens durch das nationalsozialistische Deutschland bewußt. Daraus zog Donovan früh den Schluß, daß Hitler und dessen Verbündete militärisch niedergerungen werden müßten.

Donovans Auftrag lautete insbesondere, sich über Geheimdiensttechniken zu informieren. Darin trafen sich seine persönlichen Neigungen für Spionage mit den militärischen Notwendigkeiten einer Nation, die noch nicht über einen eigenen übergeordneten Nachrichtendienst verfügte, sondern ausschließlich über kleine Geheimdienstabteilungen in den Streitkräften, im Außenministerium und in zahlreichen weiteren Behörden, die in ihren Aufgaben begrenzt waren und teilweise unprofessionell operierten. Auf seinen Reisen traf Donovan deshalb mit Vertretern der britischen Geheimdienste zusammen, die ihn umfassend über die eigene Tätigkeit informierten und ihm als Vertreter des amerikanischen Präsidenten, auf dessen Unterstützung im Krieg London hoffte, kaum ein Geheimnis vorenthielten.[153]

Von den Möglichkeiten und Notwendigkeiten des modernen Geheimdienstkrieges überzeugt kehrte Donovan nach Washington zurück. Er hoffte, mit Aufklärungs- und Propagandaarbeit, Spionage, Sabotage und Subversion alternative Formen des Kampfes zu entwickeln, die einen Krieg entscheiden oder zumindest abkürzen könnten. Da Donovan mit erheblichen deutschen Geheimdienstoperationen rechnete, wollte er außerdem den Feind mit dessen eigenen Waffen schlagen.[154] Für diese Idee setzte er sich nachdrücklich in Washington ein. Gegen die Widerstände der anderen Geheimdienststellen und das Mißtrauen der Politiker konnte er schließlich die Einrichtung des ersten zentralen Nachrichtendienstes in den USA erreichen.[155]

Am 11. Juli 1941 unterzeichnete Präsident Roosevelt den Befehl, der die Gründung einer Behörde namens Coordinator of Information (COI) vorsah und Donovan an dessen Spitze setzte. Die Aufgabenbereiche des COI blieben noch vage formuliert, doch war dessen Anspruch als Koordinationsstelle für geheimdienstliche Tätigkeiten deutlich zu erkennen. Auch eigenes Personal und ein eigenes Budget konnten aufgestellt werden.[156] Der COI etablierte sich und wuchs schnell an Mitarbeitern, doch interne Streitigkeiten führten bald zu seinem Ende. Die liberale Propagandaabteilung Foreign Information Service (FIS) unter Leitung des Dramatikers, Pulitzerpreisträgers und Roosevelt-Vertrauten Robert E. Sherwood wollte lediglich Informationsarbeit leisten, weil ihrer Ansicht nach Propaganda und Täuschung den Idealen des „New Deal“ widersprachen und unamerikanisch waren. Roosevelt löste den Streit schließlich, indem er am 13. Juni 1942 die Einrichtung zweier neuer Institutionen verfügte, des Office of War Information (OWI) mit Propaganda- und Informationsauftrag und des Office of Strategic Services (OSS).[157]

Donovan wurde wiederum zum Direktor des OSS bestellt. Für den neuen Dienst war die Beschaffung und Auswertung von Nachrichten und die Durchführung militärisch notwendiger Geheimoperationen vorgesehen. Das OSS wurde den Joint Chiefs of Staff (JCS), dem amerikanischen Generalstab, unterstellt und war damit eine militärische Dienststelle.[158] Donovan durfte zunächst wie im Ersten Weltkrieg die Rangbezeichnung Colonel (Oberst) führen. Er wurde 1943 zum Brigadegeneral befördert und stieg 1944 in den Rang eines Generalmajors auf. Zivile und militärische Mitarbeiter waren gleichermaßen im OSS beschäftigt.[159] Der militärische Befehl vom 22. Dezember 1942 etablierte das OSS endgültig im schwankenden Gefüge der Washingtoner Behördenrivalität, indem er dessen zentrale Rolle unter den Nachrichtendiensten festschrieb und die Bandbreite der Aufgaben ausführlich formulierte.[160]

Die komplexe Struktur des OSS sah vier zentrale Bereiche vor, kannte aber auch zahlreiche Sonderbereiche, die sich in diese Gliederung nicht einfügten. Die Koordination der Amtsgeschäfte übertrug der sich häufig auf Reisen befindliche Donovan seinem Stellvertreter, Assistant Director Edward Buxton. Ein zweiter Assistant Director stand zahlreichen Sonderabteilungen vor und hielt die Verbindung zu den Außenstellen des OSS und zu anderen Behörden aufrecht. Drei Deputy Directors leiteten die drei Hauptabteilungen: Strategic Services Operations (u.a. Propaganda, Sonder- und Sabotageoperationen), Administrative Services (u.a. Verwaltung und Finanzen), Intelligence (u.a. Spionage, Gegenspionage und Nachrichtenauswertung).[161] Außenstellen richtete das OSS nicht nur in den USA ein, sondern bald auch in allen strategisch wichtigen Regionen in Ostasien, im Nahen Osten, in Nordafrika und in Europa. Der größte Außenposten befand sich in London mit etwa 2000 Mitarbeitern im letzten Kriegsjahr.[162]

Dem Deputy Director of Intelligence waren fünf Abteilungen unterstellt, darunter zwei, die mit Geheimdienstoperationen im Sinne von Spionage und Sabotage nicht viel zu tun hatten. Der Foreign Nationalities Branch (FNB) war die Aufgabe zugewiesen, von den „foreign nationality groups“ in Amerika Nachrichten über deren Herkunftsländer zu beschaffen sowie als Anlaufstelle für politische Emigrantenkreise zu dienen und deren Einbeziehung in den Propagandakrieg zu planen.[163] Besondere Aufmerksamkeit genießt die Research and Analysis Branch (R&A), die Forschungsabteilung des OSS, die sich mit den besten Universitäten messen konnte und anfänglich über die meisten Mitarbeiter innerhalb des OSS verfügte.[164]

2.2. Die Research and Analysis Branch des OSS [back to contents]

R&A war die Stätte, an der sich akademische Gelehrsamkeit und die militärischen Anforderungen des Kriegs verbanden. OSS-Direktor Donovan war sich trotz seiner Vorliebe für geheime Aktionen von Anfang an im klaren darüber, daß R&A das Rückgrat seiner Behörde bilden würde. Alles Wissen kam hier zusammen und wurde zu nutzbaren Formen weiterverarbeitet.[165] Besonders Historiker, Geographen und Wirtschaftswissenschaftler wurden rekrutiert, zahlreiche weitere Disziplinen waren vertreten.[166] Nach Vorarbeiten von Archibald MacLeish, dem Leiter der Library of Congress, übernahm anfangs James P. Baxter III, Historiker und Präsident des Williams College, die Leitung von R&A. Unterstützt wurde Baxter von William L. Langer, einem auf europäische Außenpolitik spezialisierten Professor für Geschichte in Harvard, der ihn bald ablöste und während des gesamten Krieges R&A leitete.[167]

Die Aufgabe von R&A bestand darin, Nachrichten zu sammeln, auszuwerten und den politischen Entscheidungsträgern zugänglich zu machen.[168] Verfaßt wurden hauptsächlich umfassende Regionalstudien, Studien zu speziellen regionalen Problemen und Studien, die gezielt außenpolitischen oder kriegswichtigen Zwecken dienten.[169] Über den politischen Einfluß der R&A-Studien läßt sich oftmals nur spekulieren, doch kommt ihnen mehr als rein akademische Bedeutung zu. In einigen Fällen übten die Arbeit von R&A entscheidenden Einfluß aus.[170] Ihre Informationen bezog die Forschungsabteilung aus verschiedenen Quellen, von Kriegsbefangenenbefragungen bis zu durch Spionage gewonnenen Hinweisen, doch erwies sich die wissenschaftliche Untersuchung öffentli